Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (August 1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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zu jener Zeit unbestrittenen Autorität und der sich daraus ergebenden inneren Ruhe war." Es soll hier nicht untersucht werden, wie weit Trotzki mit dieser Bemerkung das literatenhafte Verfahren anwendet, durch Aufdeckung der Ursachen eine Sache zu „erledigen". Man kann aber diese Bemerkung zum guten Teil auf ihn selbst anwenden: Er arbeitete von Anfang an führend in der revolutionären Bewegung, und so konnte es ihm gar nicht in den Sinn kommen, irgendeinen Unterschied zwischen sich und der Bewegung zu machen. Keine solche „Erklärung" gibt es selbstverständlich für seinen persönlichen Idealismus — er ging in Gefängnisse, in Konzentrationslager, an die Front, auf die Barrikaden —, für den engeren Idealismus, wie er selbst ihn nennt, aber der weitere Idealismus besteht bei ihm aus der Identität zwischen dem persönlichen Schicksal und dem der Bewegung, ihre Erfolge sind seine eigenen. So kommt es auch, daß ihm alle Sorgen, mit denen andere Menschen ihr individualistisches Leben ausfüllen, höchst lächerlich erscheinen. Die innere Unfreiheit aller äußerlich vom Kapitalismus abhängigen Menschen, die Berufsangst, kennt er nicht; sein Beruf ist der eines Revolutionärs, irgendwo wird man schon etwas zu essen finden, mindestens durch revolutionäre Artikel oder im Gefängnis. „Vulgäre" Vergnügen ekeln ihn an, seine Erholung ist gerade die geistige Arbeit: „Im Gefängnis erlebte ich mit dem Buche oder der Feder in der Hand die gleichen Stunden höchster Befriedigung, wie in den Massenversammlungen der Revolution." Seine Familie, anders als sonst, hindert ihn nicht, sondern unterstützt ihn im revolutionären Kampf mit der Selbstverständlichkeit, mit der eine Bauernfamilie das Feld bestellt. Charakteristisch ist vor allem der Bericht über seine Heirat: „Alexandra Lwowna nahm einen der ersten Plätze in dem südrussischen Arbeifcerbund ein. Die gemeinsame Arbeit hatte uns eng verbunden. Um nicht getrennt angesiedelt zu werden (nämlich in Sibirien), hatten wir uns im Moskauer Etappengefängnis trauen lassen." Kein Wort weiter! Es ist nicht anzunehmen, daß diese Heirat ganz so unpersönlich vor sich ging, wie sie hier berichtet wird. Und schließlich ist dieses ganze Buch, obwohl es eine Biographie ist, hauptsächlich auf das historisch Bedeutsame eingestellt, aber dieser Zurückdrängung des Persönlichen in der Erinnerung geht sicher eine ähnliche Einstellung im Leben parallel. Dabei ist Trotzki kein Asket, er verzichtet nicht aus ethischen Gründen (man könnte z. B. an Savonarola denken), sondern er geht mit imponierender Ueberlegenheit allen persönlichen Problemen aus dem Wege, um das für ihn allein gültige Problem zu lösen. Mit diesen wenigen Andeutungen ist die menschliche Seite des Phänomens Trotzki noch längst nicht erschöpft; da® ist auch nicht der Zweck dieser Zeilen. Nur als Antwort auf gewisse bürgerliche Versuche, sich durch irgendwelche Ausflüchte von dem Alpdruck einer so überragenden Erscheinung zu befreien, möchte ich auf die verhältnismäßig untergeordnete Frage eingehen, wie Trotzkis Buch formal zu bewerten ist. Zu dieser Frage sagt Karl Scheffler, „Trotzki zeige die Eitelkeit des Literaten" und noch ähnliches. Man muß zunächst zugeben, daß sich dieser Vorwurf im Munde eines Literaten recht eigen- 29