Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (August 1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537812-3537817--7695-3545741- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
schrieben hat, von vornherein unser volles Interesse beanspruchen. Sobald man aber erst das Buch aufgeschlagen hat, fesselt es jenseits aller historischen Wichtigkeit, denn dieses Leben ist so bewegt, daß es sich spannender liest als ein Jack London, ohne daß man deshalb in hergebrachter Weise sagen kann, „daß die Erfindungen des Lebens alle Phantasie übertreffen", sondern: alles, was hier geschieht, geschieht im Hinblick auf eine große Idee; es gibt deshalb auch keine bloß passiven Erlebnisse, wie sie das Leben für den Abenteurer oder der Dichter für seinen Helden „erfindet", sondern hier hat der Held sein Leben gewissermaßen selbst komponiert, und das macht sein Schicksal wie seine Biographie in gleicher Weise zu einem Kunstwerk. Dieser zentrale Eindruck belebt immer wieder die einzelnen Elemente der Komposition, natürlich mit Ausnahme des unvermeidlich passiven Lebensabschnittes, der Jugend. Man erfährt vieles rein menschlich Interessante über die Aengste und Aufregungen eines Bürgerkindes, die „magische" Welt des primitiven Intellekts ist durchaus gut getroffen, aber die zweifellos vorhandenen richtunggebenden Charakteranlagen liegen viel zu tief, als daß sie bei einer solchen Schilderung deutlich werden könnten. Natürlich gibt es Kleinigkeiten, die aber nichts beweisen, weil man sie auch bei Kindern feststellen kann, die später durchaus honette Leute geworden sind. Der sichtbare Umschwung vollzieht sich erst viel später, mit Beginn der geistigen Reife, und auch dann nur sehr schwankend; man muß dabei aber berücksichtigen, daß es damals noch keine bolschewistische Theorie oder Bewegung gab, der man sich einfach anschließen konnte, daß der Narodnitschestwo gerade in den letzten Zügen lag, und der Marxismus noch mit liberalen und direkt kapitalistischen Elementen durchsetzt war. Trotzdem entstand in verhältnismäßig kurzer Zeit ein fertiger Revolutionär, fertig nämlich in den Eigenschaften, die sein Leben bestimmen sollten: restlose Hingabe an .die Sache und rücksichtslose Ausschaltung der persönlichen Interessen, oder genauer gesagt: eine vollkommene Vereinigung von persönlichem Glück und Dienst an der Idee, Und hier liegt der Angelpunkt, das Geheimnis dieses ganzen, großartigen Lebenslaufes: Nicht ein verkrampfter Agitator, wie man vielleicht erwarten möchte, der im kollektiven Erlebnis das sucht, was er individuell nicht finden kann, nicht ein „Scheuklappenmensch" nach einem Wort Keyserlingks (der auch mit diesem Urteil, wie man sieht, wieder an der Oberfläche bleibt), sondern ein Mensch von einer seltenen Harmonie in allen Lebensbeziehungen. Für ihn gibt es keinen kantischen Kampf zwischen Pflicht und Neigung, ja, er kennt diese Begriffe gar nicht, weder bei sich, noch bei anderen, und darum legt er auch an alles einen so überaus strengen moralischen Maßstab; eher könnte man bei ihm schon die, auch von Trotzki selbst gern zitierte, populäre Hegeische Synthesis finden, wobei man hier allerdings, in recht ungewöhnlicher Weise, das Ich als Antithesis und die Sache als Thesis setzen müßte, Das Geheimnis der Synthesis, der Grund, warum gerade er sie finden konnte, und so viele andere nicht, ist natürlich in diesem ziemlich allgemeinen Vergleich nicht enthalten; er entschleiert sich faber wenigstens teilweise, wenn man eine Bemerkung über Kautsky liest: „Besonders bestach mich das Fehlen jeglicher Eitelkeit, was, wie ich erst später begriff, die Folge seiner 28