Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (August 1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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da wir an diesen Schichten einen prozentual sehr großen Anteil hatten und haben. Wir befinden uns daher in unserer großen Mehrheit in einem fortgesetzten Depossedierungs- und Proletarierungsprozeß. Wir sind, von der numerisch keineswegs großen Schar reicher und der auch nicht allzu großen Zahl wohlhabender deutscher Juden abgesehen, eine sozial schwache und schonungsbedürftige Gruppe, die alles Interesse an einer sozialen und keinerlei Interesse an einer besitzbürgerlichen Republik hat. Aus diesen grundsätzlichen Einsichten folgt unsere Stellungnahme zu den politischen Parteien. IL Es ergibt sich, daß, von den Nationalsozialisten ganz zu schweigen, ein Eintreten für die Parteien rechts vom Zentrum ausgeschlossen ist. Dabei ist es gleichgültig, ob diese Gruppen ausgesprochen oder unausgesprochen antisemitisch sind. Die thüringer Erfahrungen lehren, daß alle diese Parteien, einschließlich der Wirtschaftspartei, das Bündnis mit Hitler nicht scheuen, wenn es ihnen nur rentabel erscheint. Aber auch das Zentrum, dem in früheren Jahren viele jüdische Wähler ihre Stimme gaben, wird man mit Rücksicht auf seine jüngste politische Vergangenheit ablehnen müssen. Die Schwenkung nach rechts, welche das Zentrum in den letzten Monaten vollzogen hat, war äußerst kraß und hat erst jene unsoziale und durchaus bürgerlich klassenkämpferische Regierung möglich gemacht, an deren Spitze der Zentrumsabgeordnete Brüning steht. Bleiben die sogenannten Linksparteien. Ihr äußerster Flügel, die Kommunisten, ist zwar eine in zunehmendem Maße jüdische Partei. Aber sie ist auch zugleich eine schlechthin antizionistische Partei. Ihnen seine Stimme zu geben, ist für einen Zionisten politischer Selbstmord. A propos Selbstmord: Die Partei, die früher von den meisten Juden gewählt wurde, die Deutsche Demokratische Partei, hat sich aufgelöst. An ihre Stelle ist die Deutsche Staatspartei getreten, ein Gebilde, das heute noch kein klar erkennbares politisches Profil zeigt. Werden die Köche, die den demokratischen Brei so verdorben haben, auch in der Staatspartei das große Wort führen, oder werden sich die Jungen, die Lemmer und Winschuh, durchsetzen? Wenn man dem Bericht des Herrn Koch bei der Auflösungstagung der Demokraten und den ersten offiziösen Verlautbarungen der neuen Partei trauen dürfte, dann wäre die neue Partei von der demokratischen wesentlich verschieden. Aber es ist sehr zweifelhaft, ob man diesen Proklamationen Glauben schenken darf. Denn so wie Koch und wie die demokratische Presse die Genesis der neuen Partei darstellen, hat sie sich — das weiß eine breitere Oeffentlichkeit leider nicht keineswegs abgespielt. Die Dinge lagen vielmehr so: Schon seit Jahren gärte es innerhalb der Demokratischen Partei. Die Jungdemokraten, geführt von dem Abgeordneten Lemmer, lehnten den jederzeit umfallbereiten Pseudo-Liberalismus der 24