Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (August 1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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tivem Aufbau eines Landes etwas zu tun hatten, den relativ langsamen Prozeß der Entwicklung begreiflich zu machen. Händler, Gründer, Spekulanten, europäische Intellektuelle, Revolutionäre und Ouitsider jeder Art sind gewohnt, in fertigen Staaten Umsturz, Zerstörung, Aenderungen der Regierungsform blitzartig an sich vorüberziehen zu lassen. Vor ihren Augen steht immer nur, was durch Beschluß, Gesetz, gewaltsame Eingriffe der Staatsgewalt geändert werden kann und der Begriff des Ereignisses ist mit dem Erlebnis aktueller Sensationen eng verknüpft Das Ereignis der Eroberung eines Landes durch Kolonisation braucht andere Zeiträume. Der Zionismus baut von Grund auf und ist in der Tat eine unvergleichliche Revolution mit langem Atem. Ein Galuthschicksal von Jahrtausenden kann nicht mit einem Schlage geändert werden. Die Annahme, daß die zionistische Aktion nur dann als Lösung zu bewerten sei, wenn der jüdischen Weltkrise in Palästina eine empfangsbereite Aufnahmestation für beliebig viele jüdische Existenzen gegenüberstehe, hat nur dialektische Bedeutung. Die politischen und wirtschaftlichen Einrichtungen für ein großes Volk können nicht vorbereitet dastehen. Man muß sie bereiten und allmählich entwickeln. Das jüdische Nationalheim wird aufgebaut und Aufbau — kolonisatorische Eroberung eines Landes — erfordert Zeiten, mit denen Juden bei den ihnen vertrauten Aktionen noch niemals zu rechnen pflegten. Die Darlegung der zionistischen Lösung wird daher immer mit einer pädagogischen Aufgabe verknüpft sein. Es muß eine Charakterbildung erfolgen, die es jüdischen Menschen erträglich macht, an einem Werk mitzuarbeiten, dessen Durchführung auf Generationen berechnet ist. Es ist nur zu begreiflich, daß auch der zionistische Mensch den schnellen Erfolg will und daß er das Bedürfnis' hat, sich dem Druck dauernder Höchstforderungen an seine Leistung und an sein Vertrauen zu der Sache zu entziehen. Erfolg und Mißerfolg in der Politik und Wirtschaft, die als notwendige Begleiterscheinungen der Entwicklung mit innerer Sicherheit aufgenommen werden müßten, irritieren die verständlich ungeduldige Bewegung über Gebühr. Das Auf und Ab der aktuellen zionistischen Meinungskämpfe ist meist durch die Schwankungen im Tempo unserer Entwicklung zu begreifen. Geht das Kolonisationswerk vorwärts, dann fühlt sich die zionistische Bewegung stark, gewinnt neue Menschen und schafft größere Mittel, die Oppositionen sind schwach und söhnen sich mit sichtbaren Erfolgen aus — man denke an die agencyfreundliche Haltung revisionistischer Führer unter dem Eindruck der Züricher Gründungsversammlung im vorigen Jahre. Kommen politische Rückschläge und Wirtschaftskatastrophen, die durch innere Stärke überwunden werden müßten, dann löst sich die Einheit der Organisation. Die „Schuldfragen" treten in den Vordergrund, das gegenseitige Mißtrauen der Gruppen wirkt auch auf die jüdische Welt lähmend, Pessimismus und Defaitismus wird beim zionistischen Gegner festgestellt und bekämpft, bis eine neue Zeit des Aufstiegs mit einem Schlage die Stimmung verändert» Unsere Erziehung müßte auf den — verständlichen — Stimmungswechsel regulierend einwirken und Festigkeit und unübertriebene Sicherheit gerade in kritischen Zeiten offenbaren. Denn hat man einmal erkannt, daß es sich bei der Verwirklichung des Zionismus um die einzige Lösung handelt und 20