Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (August 1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Gesamtheit umfassende radikale Aenderung, ein souveränes Gemeinwesen» das, wenn auch nicht alle Juden, so doch einen ganz großen Prozentsatz der Juden zu seinen Bürgern zählt. Politische Souveränität war die Hauptforderung unserer typischen Minderheitsnation, die festgestellt hatte, daß Freiheit und Mehrheit politisch identische Begriffe waren. Dieser Gedanke wurde dadurch kompliziert, daß gleichzeitig Erez Israel der Ort der Verwirklichung sein sollte. Das Palästinaziel blieb niemals unumstritten. Herzl war erst Judenstaatler und wurde dann Zionist. Der Territorialismus, der auf Erez Israel verzichtete, entsprang dem Gedanken der Erforderlichkeit voller Souveränität eines jüdischen Mehrheitsvolks in irgendeinem Lande. Er fand Resonanz in Zeiten, in denen das türkische Regime unsere Hoffnungen für Palästina aussichtslos zu machen schien. Die antizionistische Ideologie gewisser nationaljüdischer Gruppen im Osten wird von dem Argument beherrscht, daß eine Antwort auf die Judenfrage, die nicht zugleich unmittelbar die wirtschaftliche Lage der jüdischen Massen zu verbessern vermag, ersetzt werden müsse durch den Versuch, nationale Autonomien mit jüdischer Mehrheit in unbevölkerten Gebieten zu schaffen. Immer wieder unternimmt man es, zugleich die Existenzfrage aller Juden und die jüdische Volksfrage, zugleich die persönliche moralische Judennot und die materielle Judennot, zu beseitigen. Alle Erkenntnisse und Erfahrungen zeigen, daß sämtliche territorialen Lösungsversuche zum Scheitern verurteilt sind — es gibt keine leeren Länder in besiedelbaren Gegenden — und daß sie, wo man ernsthaft jüdische Kolonisation versucht hat, weder dem Freiheitsstreben der Siedler zu genügen vermögen, noch auch irgend eine erhebliche Bedeutung für die jüdische Gesamtheit haben. Der territorialistische Gedanke, in welcher Form auch immer er auftritt, wirkt solange dialektisch anziehend, als er sein Territorium nicht gefunden hat» Jeder Versuch der Konkretisierung entlarvt ihn als kleinlichen Ausweg. Man will die angeblich quantitativ unzureichende zionistische Lösung vermeiden und täuscht sich durch ein scheinbar größeres Projekt, dem gar keine allgemeine Bedeutung für die Judenheit zukommt, das bestenfalls den Interessen der Juden eines Landes zu dienen vermag. Die Verbindung der territorialen Lösung mit Erez Israel war keine zufällige, sie war niemals ein Problem der auswärtigen zionistischen Politik. Herzl mußte im Ugandakonflikt erfahren, daß eine Konzentration der Kräfte des jüdischen Volkes zu einer entscheidenden Tat nur in Verbindung mit dem Palästinagedanken möglich war. Das Land Palästina hat in diesen Kämpfen so sehr den Sieg davongetragen, daß die Unmöglichkeit der Palästinalösung zugleich auch das Ende des, großen jüdischen nationalen Freiheitsideals bedeuten würde. Der Realität der Weltjudenfrage ist die Notwendigkeit der Verwirk* lichung des Baseler Programms untrennbar verbunden. Es . handelt sich heute um einen Problemkomplex. Stellt man die Unmöglichkeitseiner befriedigenden jüdischen Entwicklung im Galuth fest, so muß gleichzeitig tdie^ Möglichkeit einer solchen Entwicklung in Palästina gezeigt und geglaubt werden können. Bei der Untersuchung, ob das Land Palästina die Heimat jüdischer Massen werden kann, entstanden schon lange vor dem Kriege rieh- 18