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Der jüdische Student · 1930-07-01 · Heft 6 (Juli 1930) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
27 (1930)
Issue
Heft 6 (Juli 1930)
Date
1930-07-01
Page
[Seite] (sequence 27)
Language
German
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schweben, dürften wohl ein Novum in der Geschichte darstellen. Tatsächlich liegen die Dinge auch nicht so, wie Bonn sie darstellt. Einen Teil der praktischen Interessen, die von der Partei vertreten werden, nämlich die einer zwar am Kapitalismus interessierten, aber ihrer wirtschaftlichen Position nach an den linken bürgerlichen Flügel gehörigen Schicht haben wir bereits kennengelernt. Und dazu stößt nun ein anderes, ein zwar nicht unmittelbar materielles, aber doch auch durchaus praktisches, auf bestimmten Gegebenheiten basierendes Interesse, das die Divergenz zwischen einer Weltanschauung und ihren objektiven Voraussetzungen zu einem guten Teil erklärt. Und diese Erklärung wird durch die Besonderheit der jüdischen Situation gegeben. Wie die Bundesgenossenschaft zwischen Judentum und Liberalismus zustande kam und wie der Liberalismus seinerseits sich seitdem gewandelt hat, haben wir schon gesehen. Nun bliebe noch übrig, hinzuzufügen, daß die Juden diese Wandlung nicht mitgemacht haben, weil sie als Juden im Gegensatz zum Liberalismus als Ganzem im Zustand des Angriffs geblieben sind. Der gesetzlichen Gleichberechtigung ist die gesellschaftliche nicht gefolgt; so blieben sie Opposition, wobei der Grad dieser Opposition sich ganz nach dem Grad ihrer Ausschließung richtet (während übrigens gleichzeitig gerade die exklusivsten Schichten Vorbild in der angestrebten Assimilation, Ziel verdrängten Ehrgeizes wurden). Die Herren des alten Staates — Militär, Beamtentum, Adel — waren die Antipoden schlechthin, und den Kampf gegen ihre privilegierte Stellung besorgte man noch mit gewissem Recht durch das universale Programm liberaler Humanität. Inzwischen ist diese Feudalwelt zusammengebrochen, aber der Antisemitismus ist ganz gegen die illusionistischen Erwartungen freisinniger Bürger nur noch grober und in seinen Formen barbarischer geworden. Und jetzt sind es zu einem Teil sogar die alten Bundesgenossen von einst, gegen die der. alte liberale Gedanke in einer sonst nicht mehr bekannten Reinheit aufrechterhalten wird; nur daß die Juden jetzt damit selbst zwischen Tür und Angel geraten sind, denn wenn sie jetzt gegen Privilegien angehen und Freiheiten fordern, dann sind es die eigenen Privilegien und dann sind es Freiheiten, die sich gegen sie selbst kehren müssen. Das erklärt alle Anomalien der demokratischen Presse; das erklärt Bonns Paradox von der interessefreien politischen Weltanschauungspartei. Das erklärt auch alle ähnlichen Erscheinungen außerhalb der Parteiwelt, wie z. B. Piscators revolutionäres Theater, das von demselben jüdischen Bürgertum finanziert, mit Stücken beliefert, wohlwollend kritisiert und zu Höchstpreisen besucht wurde, dem man von eben dieser Bühne Tod und Verderben verkündete. Diese Erklärung ist sicher nicht ganz erschöpfend, sie hat bewußt nur einen Faktor in Rechnung gezogen. Aber das dürfte doch ein sehr wesentlicher Faktor sein, denn wenn die Juden auch in Gesamtdeutschland zahlenmäßig nur schwach sind, für eine einzelne an sich kleine Partei sind sie auch zahlenmäßig nicht verächtlich. Und da sie überdies ein ungemein aktives, in alle Bezirke geistigen Daseins einwirkendes Element sind, geht ihr tatsächlicher Einfluß über ihren zahlenmäßigen Anteil weit hinaus. Man kann also sehr wohl sagen, daß sie einen an sich politisch wirksamen Faktor 27

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