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Der jüdische Student · 1930-07-01 · Heft 6 (Juli 1930) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
27 (1930)
Issue
Heft 6 (Juli 1930)
Date
1930-07-01
Page
[Seite] (sequence 26)
Language
German
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sten aller Welten leben. Sie bagatellisiert nach Kräften die Gefahr von links, die einzig entscheidende, die dem Bürgertum als solchem droht, und wird dazu allerdings durch die kompromißlerische, mit dem Bürgertum paktierende Haltung der Sozialdemokratie verleitet. Sie übersieht dabei, daß es sich hier nur um eine vorübergehende Situation handeln kann, weil die Sozialdemokratie entweder eines Tages von ihrer Linksopposition überrannt werden, oder, was wahrscheinlicher ist, von dieser das Gesetz ihres Handelns zudiktiert bekommen wird. Angesichts dieser Situation ist deshalb die in ihr bis zur Ermüdung wiederholte Forderung des republikanischen Gedankens, dessen Inhalt aus anderen Zeiten geholt ist, heute überhaupt inhaltslos, wenn sie nicht gar einen in der Wirklichkeit gegen sie selbst gerichteten Inhalt hat. Man sehe z. B. die Forderung auf Republikanisierung von Polizei und Reichswehr. Auch das ist typisch Frankreich vom Ende des vorigen Jahrhunderts. Man kann sich heute dabei gar nichts denken. Denn heute dreht es sich um die Frage, ob die bewaffnete Macht in Händen des noch bürgerlichen Staates oder seiner proletarischen Gegner liegen soll. Das ist eine reine Machtfrage, die bestimmt nicht mit den Gedankengängen eines überholten und in sich widerspruchsvollen Liberalismus zu lösen ist. Wäre nämlich die bewaffnete Macht von dem milden Geist der Leitartikel der demokratischen Presse der Forderung gemäß erfüllt, so könnte deren Handelsteil schon bald nicht mehr erscheinen. Denn dieser Handelsteil, der doch gerade für die Leser so wichtig ist, ist der typischste Ausdruck kapitalistischer Ordnung, deren Aufrechterhaltung heute ganz und gar auf Macht beruht. Und der einfache Mann, aus dem die Wehrmacht sich bildet, kann stramm national oder höchst radikal, aber niemals aufnahmefähig sein für den verzwickten Gedankengang einer Freiheit, die auf Dividenden beruht, und einer Gleichheit, die beim Einkommen aufhört. Wie weit dieser Widerspruch geht, konnte man am deutlichsten aus der Haltung des „Berliner Tageblatts" ersehen, als es sich um Trotzkis Zulassung in Deutschland handelte. Während die S.P.D.-Minister sie ablehnten, kämpfte diese Zeitung, ausgerechnet für Trotzky, einen Kampf von konsequentem, mannhaftem Liberalismus und erinnerte dabei etwas an Don Quichotte. Die Zahl dieser Beispiele ließe sich vermehren, aber sie alle zeigen nichts anderes als die ungeheure Divergenz zwischen einer politischen Weltanschauung und den praktischen Interessen der Schicht, die dahintersteht. Professor Bonn hat im „Berliner Tageblatt" (Nr. 208 vom 4. Mai) über das Wesen der Deutschen Demokratischen Partei geschrieben und dabei, indem er von ihrer Gründung ausgeht, gesagt: „Sie war eine politische Weltanschauungspartei, mit politischen Idealen, die teils erfüllt, teils erfüllbar waren. Sie war auf keiner Wirtschafts- und Interessengruppe aufgebaut. Sie konnte sich daher nur auf die Kreise stützen, die, in verhältnismäßig wirtschaftlicher Unabhängigkeit befindlich, von Klassen-, Stände- und Interesseneinstellung frei waren." Aber was ist das für ein politisches Paradoxon? Dem Einzelnen mag es gelegentlich gelingen, seine politische Weltanschauung von den konkreten Gegebenheiten seiner Existenz zu befreien. Aber Wählermassen, die in der Luft der guten Gesinnung vorurteilslos 26

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