Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 6 (Juli 1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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darstellen, wobei die Bewertung dieser Wirksamkeit natürlich ganz vom Parteistandpunkte abhängen wird. Aber eins ist schon nicht mehr Parteisache: nämlich die Erkenntnis dieser Zusammenhänge, ihre Erhellung gegenüber den Verdunkelungsversuchen der zunächst Beteiligten und ihre Zurechtrückung gegenüber antisemitischer Verzerrung. Diese Verdunkelung des wahren Tatbestandes ist ein Kapitel für sich. Sie erfolgt sicher meistens völlig unbewußt, sie geht ja fast durchweg von ganz entjudeten, dem Judentum innerlich ganz entfremdeten Menschen aus, die auf einen äußeren Druck politisch reagieren und diese Reaktion für die Folge des inneren Druckes ihrer humanen Ueberzeugungen halten. Hier liegt überhaupt ein sehr merkwürdiges Phänomen vor. Die Antisemiten lieben es, sich das Judentum als eine geheimnisvoll organisierte Macht vorzustellen, die von einer Kommandostelle jeweils zum Nutzen der jüdischen Gesamtheit dirigiert wird. Selbst eine so groteske Erfindung wie die Weisen von Zion wird noch von sonst zurechnungsfähigen Menschen häufig genug geglaubt. Man kann für diesen absurden Irrwahn nur eine Erklärung finden, nämlich die, daß die Juden tatsächlich, allerdings nur in einem einzigen Falle, so einheitlich handeln, als gäbe es eine solche Kommandostelle; dieser Fall liegt vor, wenn es um ihre bürgerliche Gleichberechtigung und um den Antisemitismus geht. Und das ist sehr natürlich, denn in diesem Falle sind sie alle, von den jüdisch Bewußtesten bis zu den Getauften, unter den gleichen Druck gesetzt und finden auch ohne Kommando die gleiche Linie, diesem Druck auszuweichen und zu begegnen. Nur sie selbst sind sich dessen nicht bewußt, sie haben ihr Judentum verdrängt und handeln wie in einer Neurose, wo der wahre Grund von Handlungen auch verborgen ist. Und diese Verdrängung ist die Folge teils der Entjudung, teils der Angst um die wirkliche Gleichberechtigung. Das ergibt eine sehr unerfreuliche Situation. Alle jüdischen Lebensvorgänge werden unter einem Schleier gehalten, und je intensiver man das tut, um so verzerrter und vergröberter tauchen sie auf der Gegenseite in dem antisemitischen Zerrspiegel, wieder auf. Hier wird als jüdischer Geist dargestellt, was die Folge einer bestimmten historischen Situation ist, die von denen herbeigeführt wurde, die sie beklagen. Dabei fällt die Bewertung der Juden als eines zersetzenden, alle Volkstradition auflösenden, vorwiegend rationalistischen Elements durchaus mit dem tatsächlichen Wesen des Liberalismus zusammen. Er ist ein Kind der Aufklärung, also rationalistisch; er hat Wege frei gemacht, also aufgelöst und zersetzt; er ist seiner Natur nach ein durchbrechendes, aufhebendes Prinzip. Aber die Juden haben ihn nicht erfunden, sie haben ihn, wenn man die Möglichkeiten ihrer Wirkung im gesamteuropäischen Rahmen betrachtet, nicht einmal bedeutend gefördert; sie haben ihn nur benutzt, wie jede andere Gruppe in ihrer Lage das getan hätte, und sie haben ihn so gut konserviert, weil für sie nicht die gleichen Wandlungsvoraussetzungen gegeben waren, wie für seine nichtjüdischen Träger. Damit fällt die ganze antisemitische Ideologie, die, als ein rassenmäßiges Gesetz betrachtet, was noch vor hundertfünfzig Jahren nicht da war und in einem bestimmten Zeitraum nicht mehr da sein wird, in sich zu- 28