Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1930-07-01 · Heft 6 (Juli 1930) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
27 (1930)
Issue
Heft 6 (Juli 1930)
Date
1930-07-01
Page
[Seite] (sequence 25)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3537599-3537812-3537816--7646-3545691
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Richtungen gab. Und die ungeheure Entwicklung des 19. Jahrhunderts beweist, daß seine Tendenzen nicht unproduktiv gewesen sind. Aber der Widerspruch, den er in sich selbst trug, machte sich schon in dem Augenblick bemerkbar, als die Probleme des vierten Standes deutlicher fühlbar wurden. Schon der späte Börne — dieser revolutionärste Vorkämpfer des liberalen Bürgertums — hat ihn empfunden und seiner Enttäuschung über die Verwirklichung, die seine Gedanken fanden, noch Ausdruck verliehen. Dieser Widerspruch lag von vornherein in der Differenz zwischen einem bestimmten Gruppeninteresse und der auf die Menschheit schlechthin zielenden Tendenz, mit der dies Sonderinteresse verfochten wurde, und sie mußte um so größer werden, je mehr die Opposition von einst zur herrschenden Schicht wurde. Schon das Erbrecht, dies stärkste aller Privilegien, hat der liberalen Gedankenwelt eine frühe Grenze gesetzt; dazu kamen dann in immer steigendem Maße die tatsächlichen Wirkungen der Kapitalkonzentration, die nicht nur die Idee des wirtschaftlichen Manchestertums, sondern die der freien Entfaltung des Individuums überhaupt nach allen Seiten begrenzte oder sogar praktisch aufhob. Auch mit dem Staat, diesem Gegenpol allen Liberalismus, diesem einordnenden und bindenden Prinzip, hat er, je mehr er zu Einfluß gelangte, um so mehr seinen Frieden machen müssen. Kurz: das liberale Bürgertum ist im Laufe der Zeit aus einer Privilegien aufhebenden und Bindungen einreißenden Schicht selbst zu einer privilegierten und Bindungen setzenden geworden. Es hat deshalb seine alte Gedankenwelt immer mehr fallen lassen und ist immer mehr zu einer einfachen und tatsächlich heute sehr notwendigen Interessenvertretung gegen die immer bedrohlicher heranwachsende Gefahr des vierten Standes geworden. Und das ist es wohl, was man meint, wenn heute gesagt wird, daß der liberale Gedanke keiner besonderen Partei mehr bedürfe, da er längst Gemeingut aller bürgerlichen Parteien geworden sei. In Wirklichkeit hat die überalterte Gedankenwelt eines versunkenen Jahrhunderts eine Zufluchtsstätte nur noch im Rahmen der demokratischen Presse. Hier tut man noch immer so, als befände man sich etwa im Frankreich der vergangenen Jahrzehnte, wo innerpolitisch wirklich nichts anderes zur Debatte stand als ein Kampf innerhalb der bürgerlichen Welt, nämlich der zwischen der parlamentarischen Demokratie und ihrer monarchistisch-militaristisch-klerikalen Opposition, ein Kampf, der seinen Höhepunkt und Austrag in der Affäre Dreyfus fand. So ist es immer wieder die Republik, die in der demokratischen Presse gefordert wird, als sei sie ernsthaft in Frage gestellt und als vollzöge sich nicht heute unter der gleichen verhüllenden Terminologie eine Auseinandersetzung anderer und viel entscheidenderer Art. Was heute von rechts angegriffen wird, das ist in Wahrheit gar nicht die republikanische Staatsform, sondern der sozialistisch-kommunistische Inhalt, auf den sie zusteuert, und wenn sich dabei der Angriff auch gegen die Demokratie wendet, so nur deshalb, weil sie als Steigbügelhalter zu einer nicht mehr bürgerlichen Demokratie empfunden wird. Die demokratische Presse aber verlegt ihren ganzen Nachdruck nach rechts, als könnte das Bürgertum, wenn nur gewisse monarchistisch-militaristische Gefahren von ihm abgewandt seien, in der schön- 25

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.