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Der jüdische Student · 1930-07-01 · Heft 6 (Juli 1930) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
27 (1930)
Issue
Heft 6 (Juli 1930)
Date
1930-07-01
Page
[Seite] (sequence 24)
Language
German
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bezug auf jede praktische Maßnahme, die der Augenblick erfordert, aber sie darf als ziemlich getreuer Ausdruck der politischen Weltanschauung und der allgemeinen Haltung auch der Partei genommen werden. Und daß diese Presse durch ihre Verleger, ihre Chefredakteure und einen großen Teil ihrer Mitarbeiter wesentlich in jüdischen Händen liegt, bedarf wohl keines Nachweises. Man wird sogar sagen dürfen, daß ihr Einfluß, den sie über das Politische hinaus auf allen Gebieten geistigen Lebens in Deutschland übt, mit auf die Aktivität und Beweglichkeit gerade des jüdischen Geistes zurückzuführen ist, wobei man nicht nur an die Zeitungsschreiber selbst, sondern auch an einen wesentlichen Teil ihres Publikums zu denken hat. In dieser Presse nun herrscht eine Anschauungsweise vor, die sich keineswegs mit der wirtschaftlichen Schichtung ihrer Leser ohne weiteres deckt und zu deren Erklärung man schon etwas tiefer graben muß. Die universalen, auf die Menschheit schlechthin gerichteten Tendenzen des 18. Jahrhunderts finden ihre erste praktische Verwirklichung in der französischen Revolution. Sie verwirklicht, dem Prinzip getreu, auch die Emanzipation der Juden, und von hier aus wird sie überall in dem Maße und Tempo vollzogen, wie die von Frankreich ausgegangenen Ideen überhaupt Eingang in den Ländern finden. Die französische Revolution als Vollendung der Aufklärung bringt auch sofort ihre Antithese herauf, nämlich den modernen Nationalismus, der in Deutschland von Herder noch auf besondere Weise durch die Erkenntnis von nationalen Urkräften organischer Art fundiert wurde. Und wie sich seitdem diese beiden Gedankenwelten andauernd verbinden und durchkreuzen, so zeigt die jüdische Geschichte des 19. Jahrhunderts einen dauernden Wechsel von Reaktion und Fortschritt in bezug auf die Durchsetzung der gesetzlichen Emanzipation wie der wirklichen Gleichberechtigung. Es ergibt sich daraus, daß die Juden ihre Bundesgenossenschaft immer in den Kräften suchten und auch fanden, die ihrerseits ein Interesse an der Vertretung des universalistischliberalen Gedanken hatten. Und das war das Bürgertum, das sich im Zustand des Angriffs gegen die Privilegien und Bindungen befand, die ihrem wirtschaftlichen und politischen Aufstieg entgegen waren. Diese Bundesgenossenschaft zwischen dem liberalen Bürgertum und den Juden war am natürlichsten und engsten, solange das Bürgertum selbst noch eine revolutionäre Opposition darstellte und solange es den Anschein hatte, daß seine auf Freiheit und Gleichheit zielenden Tendenzen nicht nur dem Interesse einer bestimmten Schicht, sondern wirklich dem Wohl aller dienen sollten. Von hier datiert der jüdische Liberalismus mit all den Wesenszügen, die ihm heute noch eigen, wie insbesondere dem des Rationalismus, und die man infolgedessen gern als jüdischen Geist anspricht, obwohl sie allem, was man von jüdischer Art aus der Zeit vor der Emanzipation weiß, durchaus entgegengesetzt sind. Der bürgerliche Liberalismus hat sich im Laufe eines Jahrhunderts wesentlich modifiziert. Seine historische Leistung lag negativ in der Aufhebung von Privilegien und im Niederreißen von Bindungen wirtschaftlicher, politischer und geistiger Art, positiv darin, daß er dem freien Individuum die Möglichkeit einer voraussetzungslosen Entfaltung nach allen 24

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