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Der jüdische Student · 1930-07-01 · Heft 6 (Juli 1930) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
27 (1930)
Issue
Heft 6 (Juli 1930)
Date
1930-07-01
Page
[Seite] (sequence 23)
Language
German
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das alles ist nicht ausschlaggebend, um so weniger, als heute praktisch zwischen den jüdischen Anhängern der S.P.D. und der Deutschen Demokratischen Partei nur ein Unterschied von Nuancen besteht. Die große Masse der deutschen Juden ist eine bürgerliche Masse, und zwar in einer vorwiegend mittelständischen Position. Sie setzt sich fast durchweg aus selbständigen Händlern, leitenden Angestellten und Angehörigen der freien Berufe zusammen. Sie sind dabei meist nur kleine Kapitalisten oder gar keine Kapitalisten, aber dabei immer in einer Lage, durch die sie an der Aufrechterhaltung der kapitalistischen Ordnung interessiert sind. Zu dieser objektiven Voraussetzung kommt ihr subjektives Empfinden. Der kleine und mittlere Händler mag heute tatsächlich noch so stark von den Bedingungen abhängig sein, die die Politik der Konzerne ihm diktiert; der Angestellte ist gewiß in einer völlig gebundenen Position — trotzdem sind sie von dem Gefühl des frei wirtschaftenden Mannes beherrscht, dessen Tüchtigkeit praktisch kaum Grenzen gesetzt sind. Sie glauben noch an eine freie Wirtschaft und an die Möglichkeit des Aufstiegs in ihr, wie sie ihn auch meist selbst tatsächlich noch erlebt haben. Und genau die gleiche psychologische Voraussetzung gilt für die gar nicht ganz kleine Schicht von deutschen Juden, die sich tatsächlich in einer proletarischen Lage befinden. Vom Proletarier scheidet sie die Psychologie des Händlers, der, wenn er auch heute ganz unten ist, doch wenigstens glaubt, vielleicht schon morgen wieder oben sein zu können*). Auch sie gehören deshalb ins bürgerliche, am Kapitalismus interessierte Lager. Wir sehen also, daß es tatsächlich rein materielle Voraussetzungen gibt, die die Juden innerhalb der bürgerlichen Welt halten und sie hier an ihren linken Flügel verweisen. So weit ist die jüdische Einwirkung noch ohne spezielle Note; so weit bedeutet sie lediglich eine Verstärkung der in gleicher Lage befindlichen nichtjüdischen Schicht. Hierher gehört die Verteidigung der letzten Ueberreste eines manchesterlichen Liberalismus, der Kampf gegen die Konzentrationsbestrebungen des Großkapitals, gegen dessen Preispolitik in bezug auf Händler und Konsumenten, der Kampf für die Rechte des kleinen Aktionärs und was dergleichen wirtschaftliche Bestrebungen einer bürgerlichen Mittelschicht mehr sind. Aber gerade diese praktischen wirtschaftlichen Gesichtspunkte spielen eine ziemlich untergeordnete Rolle im Gesamtrahmen der politischen Haltung, wie sie von der D.D.P. und insbesondere von der demokratischen Presse eingenommen wird. Diese demokratische Presse, die vielleicht größer und einflußreicher als die Partei ist, deckt sich zwar mit ihr nicht immer in *) Es sei hier übrigens angemerkt, daß diese Schicht ständig wächst. Die wirtschaftliche Lage der deutschen Juden, die schon vor dem Kriege bedeutend überschätzt wurde, hat sich seitdem wesentlich verschlechtert. Die fortschreitende Kapitalkonzentration hat den kleinen und mittleren Händler (Grossisten und Detailleure) aus ihrer ehemals selbständigen Position gedrängt, und der Antisemitismus hat den Juden den Uebergang in entsprechende abhängige Stellungen sehr erschwert. Vielfach ist es sogar das jüdische Kapital selbst, das sich gezwungen sieht oder gezwungen glaubt, zu Angestellten in sichtbarer Position Nichtjuden zu nehmen. 23

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