Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 6 (Juli 1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3537599-3537812-3537816--7636-3545681- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
der Akademiker zur konservativen Weltanschauung bedingte an sich keine Judenfeindschaft. Denn Bismarck ist niemals ein Antisemit im Sinne Treitschkes oder Stoeckers gewesen, und der altpreußische Adel verteidigte zwar seine Privilegien gegen den jüdischen so gut wie gegen den christlichen Bürger: Aber die antisemitische Ideologie war kein Grundelement seiner L eb ensans chauung. Das Handeln einer sozialen Gruppe oder Klasse wird eben nicht allein von ihren direkten wirtschaftlichen Interessen bestimmt, sondern auch von der Ideologie, die sie zur Verteidigung ihrer gesellschaftlichen Stellung nötig hat. Die Judenfeindschaft, die ein großer Teil der deutschen Akademiker schon in der Vorkriegszeit bewies, gehörte zu dem aristokratischen Lebensideal, das diese Männer suchten. Der Geburtsadel selbst war innerlich viel sicherer. Er hatte eine solche ideologische Korsettstange nicht nötig." So umreißt Dr. Arthur Rosenberg in einem Aufsatz „Treitschke und die Juden" im Juliheft der Hilferding'schen „Gesellschaft" die Ursachen des Hochschul-Antisemitismus vor dem Kriege. Heinrich von Treitschke hat diesem Antisemitismus in den „Preußischen Jahrbüchern" von 1879 und 1880 die ideologische Prägung gegeben. Seine Aufsätze sind unter dem Titel „Ein Wort über unser Judentum" zusammengefaßt, auf die dann Mommsen antwortete. Treitschke verlangte von den Juden, „Deutsche zu werden". Er will aber etwas ganz anderes: an die Stelle der „jüdischdeutschen Mischkultur" soll eine „christliche" treten. „Mit jedem Schritte, den ich in der Erkenntnis der vaterländischen Geschichte vorwärts tue, wird mir klarer, wie fest das Christentum mit allen Fasern des deutschen Wesens verwachsen ist____Christliche Gedanken befruchten unsere Kunst und Wissenschaft, christlicher Geist lebt in allen gesunden Institutionen unseres Staates und unserer Gesellschaft .... Man stelle sich nur vor, daß die Hälfte unseres Volkes sich vom Christentum lossagte; kein Zweifel, die deutsche Nation müßte zerfallen, alles, was wir Deutsch nennen, ginge in Trümmer .... Wir haben uns durch die großen Worte von Toleranz und Aufklärung verleiten lassen zu manchen Mißgriffen im Schulwesen, welche die christliche Bildung unserer Jugend zu schädigen drohen, und beginnen jetzt endlich einzusehen, daß die Simultanschulen auf der niedrigsten Stufe des Unterrichts nur ein leidiger Notbehelf sein können .... Es ist die Pflicht des Staates, scharf darüber zu wachen, daß unseren Schulkindern nicht unter dem Aushängeschild der Duldsamkeit die Gleichgültigkeit gegen die Religion anerzogen werde .... Vor allem anderen aber hat die unglückliche Zerfahrenheit unseres kirchlichen Lebens, die Spottsucht und der Materialismus so vieler Christen den jüdischen Uebermut großgezogen. Die Zeit wird kommen, und sie ist vielleicht nahe, da die Not uns wieder beten lehrt, da die bescheidene Frömmigkeit neben dem Bildungsstolze wieder zu ihrem Rechte gelangt .... Unbestreitbar hat das Semitentum an dem Lug und Trug, an der frechen Gier des Gründerunwesens einen großen Anteil, eine schwere Mitschuld an jenem schnöden Materialismus unserer Tage, der jede Arbeit nur noch als Geschäft betrachtet und die alte gemütliche Arbeitsfreudigkeit unseres Volkes zu ersticken droht." 3 15