Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 6 (Juli 1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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gang zu haben und dann darüber reden zu können. Auf der anderen Seite darf uns nicht ein falsches Gefühl des Tiefuntenstehens gefangennehmen, das uns befiehlt, alles als richtig und gut hinzunehmen, wie Ihr es sagt. Es ist nicht einfach, die Kritik an Menschen, die uns ohne Frage zustehen muß, mit der Achtung zu ihnen zu vereinen, die uns ebenso fraglos zu eigen sein muß. Es gehört schon ein ordentliches Maß an Takt und Sicherheit dazu, beides in der richtigen Weise zu vereinigen. Ich bin für meine Person — das dürfte Dir bekannt sein — mit der Kritik immer sehr schnell zur Hand, und ich nehme dabei auf die Höchsten selbst keine Rücksicht. Denn ich glaube, daß jeder einzelne nicht nur das Recht, sondern die Pflicht zur eigenen Meinung hat — und damit das Recht und die Pflicht, sie öffentlich auszusprechen: wie anders wäre sonst eine demokratische Leitung möglich? — Es geht mir dabei aber keineswegs ein gewisser Respekt vor Persönlichkeiten ab, die irgendwo an einer leitenden Stelle stehen, auch wenn ich sie sachlich noch so sehr bekämpfe. Ich glaube nämlich, daß ohne diesen Respekt weder überhaupt je ein bbrdrl. Verhältnis herrschen könnte, noch eine Disziplin als Grundlage einer jeden Bewegung möglich ist. Für uns aber, die wir außerhalb Berlins sind, ist die Möglichkeit, überhaupt einen Konnex mit Euch zu bekommen, sehr begrenzt: nur die ganz wenigen Tage, zu denen der K.T. oder sonstige Tagungen des Präsidiums bzw. einige seiner Mitglieder mit uns andern zusammenkommen. Für mich persönlich kommt noch ein schwieriges Moment hinzu: daß mich gewisse Kreise von Bbr. zum „Führer" eines Kreises stempeln, der ich weder bin noch sein will. Aber die Kehrseite der Medaille ist, daß mir daraus Verpflichtungen erwachsen, die zu erfüllen mir nicht immer leicht wird. Da mein „Führertum" aber, einmal deklariert oder dekretiert, hingenommen wird, ohne daß es jemanden zu fragen einfällt, ob ein Schein einer Berechtigung ihm zukommt, muß ich oftmals gute Miene zum bösen Spiel machen, weil ich weiß, daß meine persönlichen Ansichten sofort auf andere übertragen werden, ohne Berücksichtigung der anderen, die nicht gefragt werden. Deshalb habe ich mir auch immer Mühe gegeben, nicht den Anschein zu erwecken, als wünschte ich in Fragen der Kartellpolitik eine endgültige Spaltung und einen entscheidenden Kampf um die Führung. Deshalb habe ich mich gefreut, daß es auf dem K.T. nicht zu einer Kampfabstimmung kam. Du warst nicht mehr da, glaube ich, als es soweit war; aber ich kann Dir versichern: ich hatte das bedrückende Gefühl, daß das K.J.V. nach dieser Entscheidungsschlacht — wie sie auch immer ausgegangen wäre — als Ganzes alles verloren hätte. Und es fiel mir ein Stein vom Herzen, als unsere Jungen nach vielfachem Hin und Her einsichtig genug waren, nicht auf dem Kampf zu bestehen. Wir haben — weiß Gott — Affären genug im K.J.V. gehabt, und ich weiß nicht, ob es eine Möglichkeit gegeben hätte, ein Kartell von tüchtigen und anständigen Menschen heranzuziehen, wenn damals die eine oder die andere Meinung gesiegt hätte. Aber das sind Fragen, die die Allgemeinheit augenscheinlich nicht mehr beschäftigen. Wir sind jetzt alle mit etwas mehr Ruhe bei der 10