Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 6 (Juli 1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Sie, Herr Doktor, sah ich zum ersten Mal, ich kannte weder Ihr menschliches, noch Ihr geistiges, noch Ihr berufliches Tun, weder Liebe noch Haß verwirrten Auge und. Hand, ich habe mit subjektiver Treue nachgezeichnet, was Rasse und Geist, Schicksal und Wille, Beherrschtheit und Leidenschaft, Natur und Erziehung aus Ihrem Schädel geformt haben. Das Wort Objektiv kenne ich bloß als Bezeichnung für das eine Auge der photographischen Kamera. Um wie die zu sehen und zu zeichnen, müßte ich ein Auge zudrücken! * Das Präsidium und seine „Schutzbefohlenen" Der folgende Brief ist von einem jungen Bbr. in der Provinz an ein Mitglied des Präsidiums gerichtet. Wir geben ihn zunächst ohne die Antwort wieder, weil wir hoffen, daß der eine oder der andere jüngere Bbr. zu diesem Briefe einiges zu sagen hat. Wir wollen dann die Antworten gesammelt wiedergeben. Die Redaktion. Du siehst, Dein Wunsch (nämlich: „auch sonst mal von mir zu hören") ist mir Befehl. Ich bitte Dich aber, das nicht so aufzufassen, als schriebe Ich jetzt, nur weil Du es wünschest, ein paar Zeilen an Dich. Im Gegen-r teil, es hat nur eines Anstoßes bedurft, um eine längst gehegte Absicht zur Ausführung zu bringen; und es war mir lieb, daß Du den Anstoß gegeben hast, der mich der Befürchtung enthebt, Dir zur Last zu fallen. Ich fand nämlich schon immer, daß es der Mangel eines jeden Präsidiums ist — und keines ist davon freizusprechen — daß es nie irgendwie in persönlicher Fühlung mit den Bbr. außerhalb Berlins gestanden hat. Gewiß habt Ihr eine weitreichende Korrespondenz mit den verschiedensten Bbr. aus ganz Deutschland und darüber hinaus. Aber das ist nicht das, was ich im Auge habe. Kaum mag wohl einmal in solchen Korrespondenzen die Rede von Dingen sein, die außerhalb der „Belange" des Kartells liegen. Gewiß muß das so sein — aber mir scheint, es wäre gut, wenn Ihr auch über die sonstigen, über das K.J.V. hinausgehenden Sorgen so mancher Bbr. informiert wäret. Denn wird nicht immer davon gesprochen, daß man doch die „Totalität der Persönlichkeit" erfassen müsse? Und das mit Recht. Aber dann müßte gerade stets ein Präsidium al!s leitende und letzten Endes zur Verantwortung gezogene Instanz einen Blick auch auf die außerhalb der Kartell-Beziehungen liegenden Interessen einzelner — und gerade außerhalb Berlins — werfen. Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich gemacht habe; aber ich habe das Gefühl, daß da etwas zwischen dem Präsidium und seinen Schutzbefohlenen sein müßte, was ich nicht sehe. Darum habe ich mir so manches Mal Mühe gegeben, während der kurzen Tage im Jahre, die uns mit Euch zusammenführen, ein persönliches Verhältnis zu Einzelnen von Euch zu gewinnen. Du darfst dabei nicht verkennen, daß das für uns Jungen gewisse Schwierigkeiten hat. Denn auf der einen Seite darf es nicht den Eindruck machen, als suchten wir mit „plumpen Vertraulichkeiten" den Verkehr höherstehender Menschen aus einer gewissen Sucht, mit „Halbgöttern" Um- 2* 9