Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 6 (Juli 1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Redii am eigenen Bilde Von Bbr. Egon Rosenberg erhalten wir die folgende Zuschrift; Mehrere Bbr. haben mir — teils mündlich, teils schriftlich, einer sogar in Versen — ihre Zweifel ausgesprochen, ob ich der im letzten J.St„ Abgebildete sei. Offen gesagt — ich hätte es auch nicht geglaubt, wenn nicht die Unterschrift des Bildes es behauptet hätte. Als Präside darf ich aber an der Richtigkeit einer offiziellen Darstellung im J.St. nicht zweifeln* Ich nehme mich also so hin, wie mich der bekannte Zeichner durchreisender Größen gesehen hat. Im übrigen erinnere ich mich daran, daß mir einmal ein Japaner gesagt hat, er könne uns Europäer nicht unterscheiden, wir sehen einer wie der andere aus. Dolbin hat etwas japanisches in seiner Art zu sehen, und da hat er wohl aus einem Skizzenbuch das Bild irgendeines älteren jüdischen Herrn genommen und sich gesagt, irgendeine Aehnlichkeit wird schon vorhanden sein! Und schließlich, als Präside einer doch von Gegensätzlichkeiten recht bewegten Organisation, muß ich es mir gefallen lassen, daß, die mich nicht kennen, sich ein falsches Bild von mir machen oder machen lassen. * .. und die Pflicht des Bildners Wir haben den Zeichner unserer Köpfe, B. F. Dolbin, gebeten, mit ein paar Worten auf die „Reklamation" Egon Rosenbergs einzugehen. Hier die Erwiderung Dolbins: Auch ich selbst habe „meinen Augen nicht getraut", als ich zum ersten Mal gezeichnet wurde. Ungläubig habe auch ich die Zeichnung (des außerordentlichen Wiener Karikaturisten und Malers Carl Hollitzer) betrachtet und Bekannte und Familie gefragt, ob Sie mich danach erkannten. Mutter, Geliebte und Freund fanden mich schlecht getroffen; alle anderen waren begeistert. Heute bin auch ich begeistert von jener Zeichnung, die nicht bloß in meinem Besitz ist, sondern die ich, zur Bewunderung herausfordernd, gerne und lächelnd zeige. Der Weg vom Glauben an das Bild, das mir der Spiegel vorlügt, zum Wissen um die Abnorm meiner eigenen Erscheinung war schmerzhaft; aber es war zugleich der Entwicklungsgang des Künstlers! Ich habe gelernt, die Spuren des Geistes und der Seele als die Abnorm des Animalischen) in den zehntausenden von Antlitzen, die mir begegnet sind, zu suchen, zu finden und — fanatisch bemüht — festzuhalten. Ich halte mich bei meinen Zeichnungen an den Adel des Gesichts: an seine Einmaligkeit. Halte mich nicht an das, was Mutter, Geliebte und Freund in uns sehen möchten; und was auch wir selber in uns sehen wollen, ehe wir den Mut haben, uns masken- und posenlos ins nackte Antlitz zu schauen: an das Ebenbild Gottes, Nicht bloß die Liebe „macht blind", wie der uralte Spruch es weiß, auch der Haß vermag das. Ich habe die dazugehörige Erfahrung längst gemacht, daß meine Fähigkeit, zu treffen (wie oft schwer und schmerzlich!) im Maß meiner Zuneigung schwindet. Täglicher Umgang, Gewöhnung, tun meist die gleiche Wirkung: ich werde blind für die wirkliche Erscheinung. 8