Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1930-05-01 · Heft 4-5 (Mai 1930) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
27 (1930)
Issue
Heft 4-5 (Mai 1930)
Date
1930-05-01
Page
[Seite] (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3537599-3537812-3537815--7583-3545627
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

nicht und schreiben nicht wieder, die anderen streichen blutenden Herzens ein halbes Dutzend Nebensätze, und für den Redakteur ist alles wie vorher. Wenn der Kreis der Bundesbrüder, die für den J.St. schreiben, so klein ist, daß der Redakteur Mühe hat, alle vier Wochen ein auch nur einigermaßen befriedigendes Heft herauszubringen, so zweifellos darum, weil im Kartell die ausgesprochene Meinung herrscht, das Niveau des J.St. erfordere wissenschaftliche Abhandlungen — wenigstens der Länge nach. Als ob Länge und Breite gleichbedeutend mit Tiefe wäre, Kürze, Klarheit und Prägnanz dagegen ein Zeichen von mangelndem wissenschaftlichen Ernst. Bei der älteren Generation kann man dies noch verstehen, denn sie hat in einer Zeit schreiben gelernt, in der Maximilian Harden und Theodor Wolff in aller ihrer schreibseligen und koketten Breite als Muster hervorragender Journalistik galten. Daß aber unsere Jungen, die mit der „Weltbühne" und dem „Tagebuch" sozusagen aufwachsen, womöglich noch weitschweifiger schreiben, ist unbegreiflich. Das andere, was den J.St. zu einer so unbehaglichen Lektüre macht, ist der Mangel an Aktualität. Dieser Mangel ist aber weniger auf schlechte Gewohnheit und stilistische Verbildung, als auch die monatliche Erscheinungsweise zurückzuführen. Eine Monatsschrift hat es schwer, aktuell zu sein, denn wir leben in einer Zeit, deren Aktualitätsbegriff durch die Art, wie die B. Z. am Mittag, das 8-Uhr-Abendblatt und andere Boulevardblätter wichtige und unwichtige Nachrichten aufmachen, geformt wird. Dies hat den Sinn für wirkliche Aktualität verdorben. Darunter haben die genannten Wochenschriften zu leiden — wieviel mehr ein J.St., der nur alle vier Wochen erscheint, und der überdies noch mit der häufig schulmeisterlichen, aber im ganzen nicht ungeschickten Akualität der „Jüdischen Rundschau" in Konkurrenz zu treten hat. So gestellt lautet die redaktionelle Aufgabe für den J.St. etwa folgendermaßen: eine Vierwochen-Aktualität zu entwickeln, die weder mit der Tages-Aktualität der Zeitungen, noch mit der Halbwochen-Aktualität der „Jüdischen Rundschau" verglichen werden kann. Eine Aktualität also, die anders, aber nicht schlechter ist. Für die Lösung gibt es keine fertige Formel. Sache des Kartells ist es, dem Redakteur bei der Suche nach Form und Inhalt einer spezifischen J.St.-Aktualität durch kritische Hinweise und konstruktive Vorschläge zu unterstützen. Dies die allgemeine Richtlinie. Was das redaktionelle Bild des künftigen J.St. in concreto anbelangt, so ist es müßig, zu sagen — wie es geschehen ist —, der J.St. müsse ein Mittelding zwischen „Juristischer Wochenschrift" und „Tagebuch" sein, will sagen: wissenschaftlicher Ernst mit geprägter Form verbinden. Gegen diese Forderung läßt sich grundsätzlich nichts einwenden. Aber ihre Verwirklichung hängt einmal von der Person des Redakteurs, und zum anderen davon ab, ob es gelingt, im Kartell ein stilistisches Formgefühl zu entwickeln, das dieser Forderung entspricht. Wie die Dinge heute liegen, ist es ein Ziel, das Redakteur und Kartell immer vor Augen haben müssen, aber kein Arbeitsprogramm, an das man sich von vornherein pedantisch halten könnte. Später kann man versuchen, das Neue in ein System zu bringen, jetzt kommt es darauf an, überhaupt erst einmal mit dem Neuen zu beginnen. 19

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.