Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 4-5 (Mai 1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537812-3537815--7571-3545615- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
mutig und distanziert. Eine deutliche Kasteneinteilung wird streng gewahrt: die Herrscher oben, die Beherrschten unten. Was man daraus auch für dem arabischen Intellekt folgern mag: es ist Tatsache, daß der Araber lieber von einem untüchtigen und korrupten Regime beherrscht wird, wie es das türkische war, das ihn als gleichwertig behandelte, als von einem tüchtigen, anständigen und fortschrittlichen, wie es der Engländer repräsentiert, der ihn als minderwertig behandelt. Die Folge ist, daß die guten Eigenschaften des Regimes als Selbstverständlichkeiten hingenommen, kleine, irritierende Einzelheiten dagegen über Gebühr vergrößert werden. Man könnte glauben, Anständigkeit und Tüchtigkeit seien in orientalischen Ländern die Regel, und das einzige, was die Engländer beigesteuert hätten, seien die aufreizenden Kleinigkeiten. Lächerliche und von Grund aus falsche Geschichten über tyrannische Akte der örtlichen Administratoren werden in Umlauf gesetzt, man glaubt sie und ireut sich ihrer. Untersuchungen zeigen regelmäßig, daß diese Geschichten unwahr sind, und wahrscheinlich wissen die Araber selbst, daß sie übertrieben sind. Aber die handgreifliche Popularität solcher Geschichten ist bezeichnend für die Stimmung der Araber, und diese Einstellung scheint sich nicht zu ändern, wie lange auch die britische Herrschaft dauert." Diese Charakteristik des englischen Administrators in Arabien ist dem ausgezeichneten Buche „The Arab at hörne'* von Paul W. Harrison entnommen. Harrison ist Amerikaner und war 14 Jahre als leitender Arzt eines amerikanischen Missionshospitals in Bahrein am Persischen Golf tätig. Er hat die allmähliche Festsetzung der Engländer am Persischen Golf mitgemacht und ihre Regierungsmethoden aus nächster Nähe beobachtet. Was er hier über die Administratoren des Indian Civil Service sagt, gilt zwar zunächst für den von ihm erlebten Teil Arabiens — aber es gilt auch für die Mentalität des englischen Beamten in Palästina. * Sir John Hope Simpson und Amery Dieser Mann des Indian Civil Service ist nach Palästina geschickt, um „die" Kapazität des Landes „festzustellen", als ob es keine Balfour-Deklaration und kein Mandat gäbe. Denn natürlich bedeutet diese Mission Sir Johns nichts anderes als den Versuch festzustellen, ob, wenn man in einen frischgefülten Schokoladen-Automaten ein 10 Pfg.-Stück hineinwirft, auch wirklich eine Tafel Schokolade herauskommt. Bestenfalls will England auf diese Weise Zeit gewinnen, bis die Haltung der indischen Mohamedaner sich geklärt hat. Die Suspendierung der Einwanderungs-Zertifikate war der Anfang. Das alles hindert den Kolonialminister des Kabinetts Baldwin, Mr. Amery, nicht, vor dem deutschen Pro Palästina-Komitee eine höchst muntere Rede zu halten. Er hat doch gemerkt, daß im jüdischen Volke eine gewisse Furcht besteht, England könne von seiner Politik abweichen. „Davon kann keine Rede sein. Wir sind nicht gewohnt, unser Wort zu brechen.'* Natürlich wird England sein Wort nicht brechen — aber man kann es auch biegen, und zwar so lange, bis ein Knistern anzeigt, daß der Brechpunkt fast erreicht ist. England biegt heute an der Balfour-Deklaration und am 7