Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 4-5 (Mai 1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Der englische Kolonialbeamte „Die Leute, die nach Arabien geschickt werden, sind gewöhnlich Offiziere der indischen Armee, die auf Grund von Erfolgen bei Prüfungswettbewerben in die Beamtenlaufbahn übernommen sind. Häufig beherrschen sie eine Anzahl orientalischer Sprachen und sind für ihren Dienst glänzend vorgebildet. Die meisten kommen aus den public schools. Gewöhnlich haben sie eine sehr gründliche klassische Schulbildung genossen, und es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß sie ausgezeichnete Administratoren sind. Eine Anzahl von ihnen ist durch Oxford und Cambridge gegangen. Fast ausnahmslos sind diese Administratoren in ihren amtlichen und privaten Beziehungen zu den Arabern von unbestechlicher Sauberkeit. Mit der Kenntnis orientalischer Sprachen und ihrer besonderen Vorbildung verbinden sie fast immer einen seltenen Grad gesunden Menschenverstandes und eine erfrischende Fähigkeit, bürokratische Zöpfe zu durchschneiden. Ihr Fleiß ist sprichwörtlich, und leider kommen sie häufig als Invaliden infolge Ueberarbeitung nach England zurück. Sie arbeiten unbeirrt für das allgemeine Wohl, und jeder hofft, durch Förderung des ihm anvertrauten Volkes Anerkennung und Beförderung zu gewinnen. Wenn es gelegentlich unmöglich ist, in einer bestimmten Politik einen vernünftigen Sinn zu erkennen, so darf man doch, nach meinen Erfahrungen, niemals an den guten Absichten zweifeln, die hinter dieser Politik stehen. Es herrscht bei diesen Männern eine seltsame Uebereinstimmung der Einstellung sowohl zur örtlichen Politik als auch zur Politik des Mutterlandes. Sie entstammen der herrschenden Klasse in England und sind unweigerlich Tories, Einmal traf ich einen, der sich gerne mit mir über Sozialismus unterhielt — aber er stand einzig da. Es besteht eine merkwürdige Aehnlichkeit zwischen den englischen Administratoren Arabiens und den Beamten, die die britischen Kolonien verwalten. Beide haben das gleiche blinde Vertrauen in die gottgewollte Vollkommenheit ihres Systems, und sie entwickeln die gleiche ungeduldige Ueberraschung, wenn man die Richtigkeit der kleinsten Kleinigkeit dieses Systems in Frage zu stellen versucht. Ich sagte einmal einem ungewöhnlich fähigen englischen Beamten, daß diese Einstellung einer der wichtigsten Gründe für den Erfolg der britischen Kolonisatoren in der ganzen Welt sei. Zu meiner großen Ueberraschung stimmte er mir zu. Geriebenheit, sagte er, sei für einen kolonialen Administrator verhängnisvoll. Wie man erwarten kann, haben diese britischen Beamten kein rechtes Verständnis für das Verlangen des Volkes nach Selbstregierung. Der laute und oberflächliche, aber sehr ehrliche Patriotismus des nahen Ostens in den letzten Jahren läßt sie kalt. Sie regieren zum Besten des Volkes — darin sind sie durchaus ehrlich. Aber ihre guten Absichten würden wärmer anerkannt, wenn sie mit mehr Sympathie für die Aspirationen der gebildeteren Bürger in den beherrschten Gebieten verbunden wären. Die Haltung des Volkes gegen ihre englischen Herrscher steht in einem merkwürdigen Gegensatz zu ihrer Haltung gegen die Türken. Der Türke wurde gewöhnlich von den Armen geliebt und von den Reichen gehaßt. Der Engländer wird von den Reichen geliebt und von den Armen mit Abneigung ertragen. Die Herrschaft ist wohlwollend im Ziele und tüchtig in der Verwaltung, aber die persönliche Haltung der herrschenden Klasse ist hoch- 6