Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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ohne gleichzeitig die Farbigkeit und Bewegtheit der Kriegs- und Revolutionsjahre zu erleben, und die daher im dieser erstarrenden Welt einen primitiven und unverhüllten Lebenshunger an den Tag legt, wie keine der beiden vorangegangenen Generationen. In jüdischer Beziehung ist es — wenn man so sagen darf — die Generation der Jewish Agency:. Zionismus ist nicht mehr etwas, wozu man sich gegen starke innere und äußere Widerstände durchkämpfen muß, er ist nur noch eine Frage dier Durchführbarkeit, des politisch-ökonomischen Details. Zwischen dem Zionismus dieser jüngsten Schicht und dem der letzten Vorkriegsgenieration liegen Welten, die nicht zu überbrücken sind. Ein aus so verschiedenen Schichten zusammengesetztes junges Kartell kann man über alle Gegensätze der Generationszugehörigkeit nur formen, erziehen und zusammenschweißen durch eine wirkliche Idee und nicht nur durch eine solche, der man eine Scheinwirklichkeit eingehaucht hat. Diese wirkliche Idee ist der Herzische Zionismus, der, frei von allen Verkleinerungstendenzen, frei auch von der Angst vor der eigenen Courage, aus Palästina ein jüdisches Land machen will. Im deutschen Zionismus hat sich die Unsitte eingebürgert, zu glauben, man könne alles mit dem kategorischen Imperativ machen. Aber man kann in einer Zeit, in der Kommunismus, Pazifismus und ähnliche Bewegungen um die Seele der jungen Menschen ringen, nicht alles von dem Appell an das Pflichtgefühl erwarten, wenn man nicht in der Lage oder gewillt ist, die zionistische Idee in ihrer ganzen ursprünglichen Glorie und Ueberzeugungskraft an unsere jungen Menschen als gleichwertiges Ideal heranzubringen. Indem man an der Idee Abschreibungen vornimmt, schafft man kein seelisches Aequivalent für die Opfer, die man verlangt. Nachum Goldmann hat gestern abend in meisterlicher Form gezeigt, worauf es ankommt. Die notwendigen Zielsetzungen, die die Grundlage unserer Erziehung sind, können aber nicht aus der Bleibtreustraße kommen, sondern nur aus der Meinekestraße, d. h. von der Bewegung selbst. Dies ist das eine. Das andere isj die Lebensangst, in der sich so viele unserer jungen Menschen unter dem Eindrucke der jahrelangen wirtschaftlichen Depression befinden. Diese Lebensangst ist begleitet von einem primitiven Lebenshunger, der in dieser Form früheren Generationen nicht bekannt war. Man liebt es bei uns, an diesen Tatsachen mit Scheuklappen vorüberzugehen, indem man argumentiert, die wirtschaftliche Unsicherheit, in der unsere Jugend heranwächst, sei eine der stärksten Triebkräfte zu einem wirklichen Zionismus. Wirtschaftliche Befriedung führe zum Verlust für den Zionismus. Das ist eine der gefährlichsten, weii im Kern richtigen, in dieser Verallgemeinerung aber falschen Behauptungen, die im Kartell zirkulieren. Proletarisierung als Dauererscheinung führt nach Palästina — aber Proletarisierung als schmerzlicher Entwicklungsprozeß führt vom Zionismus weg. Mit einem Proletarisierungsprozeß aber haben wir es in Deutschland zu tun. Unsere jungen Leute haben, so antikapitalistisch sie sich auch gebärden, noch immer das bürgerliche Lebensideal im Herzen und vor Augen. Ihre wirtschaftliche Proletarisierung nimmt unter diesen Umständen derartige seelische Energien in Anspruch, daß für Erez Israel bestenfalls -ein Lippenbekenntnis übrig bleibt. 41