Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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Dann sprach Schloß über Die Aufgaben des Kartells im neuen Präsidialjahr. Bei allem, was wir im Kartell tun und1 planen, müssen wir von der durch nichts hinwegzudisputierenden Tatsache ausgehen,, daß wir keine Zeit haben. In zehn, höchstens zwanzig Jahren muß der Aufbau im Umriß fertig sein, sonst wird er nie fertig werden. Die Ereignisse des letzten Sommers haben gezeigt, daß es keine andere Alternative gibt, und wer dies bis jetzt noch nicht erkannt hat, wird es in den nächsten Monaten erkennen, soweit er überhaupt noch in der Lage ist, den engen Kreis seines begrenzten Ichs zu durchbrechen. Woran sollen wir uns im Kartell orientieren: an Wunschträumen oder an Realitäten? Was müssen wir sein, um die Aufgabe des Kartells zu erfüllen: eine Sekte von Esoterikern oder eine zionistische Kampftruppe? Muß es uns ankommen auf die Erziehung zur Staatsgesinnung oder genügt es, eine Bewegung von jungen Menschen zu sein, die auf kein Privileg der Jugend verzichten will? Stellt man die Frage so, dann kann es nur eine Antwort geben: wir dürfen uns nicht damit begnügen, eine Jugendbewegung wie andere Jugendbewegungen sein zu wollen, sondern wir müssen versuchen, uns als Mikrokosmos eines werdenden jüdischen Staates zu fühlen, der eine Zwangsläufigkeit bei der Erfüllung der zionistischen Pflichten schafft, der sich niemand entziehen kann, ohne fürchten zu müssen, daß er sich dadurch selbst diffamiert. In einer Zeit, in der sich die Z. V. f. D. deutlich zum bloßen Territorialverband ohne zentrales politisches Leben entwickelt, ist es für den deutschen Zionismus eine Frage auf Leben und Tod, ob es uns gelingt, den Zusammenhang und die Zwangsläufigkeit im K. J. V. zu straffen, um so in einer Zeit allgemeiner Zersetzung eine gemeinsame zionistische Plattform nicht nur zu erhalten, sondern zu verstärken. Und diejenigen leisten dem Zionismus einen schlechten Dienst, die sich in ihre Gesinnung wie in einen Purpurmantel hüllen, um damit vor dem Spiegel ihres zionistischen Gewissens zu paradieren. Wenn man in einer solchen Zeit gar die Forderung iaufstellen kann, man müsse „das alte Kartell auf eine Mark abschreiben", so hört damit die Möglichkeit einer Verständigung über Sinn und Aufgaben des K. J. V. auf. Wir haben es hier mit einer exzentrischen Kartellauffassung zu tun, die fiktive Maßstäbe von zweifelhaftem zionistischem Wert anlegt und auf die Dauer das Kartell zerstören muß, wie sie jede über einen kleinen Freundeskreis hinausgehende politische Organisation zerstören müßte. Dieser exzentrischen muß man mit aller Entschiedenheit eine organische Kartellauffassung gegenüberstellen, die von einem gewollten Ziele und gegebenen Menschen ausgeht, und die nicht gleich in einer ersten, unbeherrschten Aufwallung von Verdruß über die Unvollkommenheiten der Wirklichkeit kostbare und unersetzliche Wierte zerschlägt. Wir haben im K. J. V. junge und alte Menschen, und so, wie man auf zwei Beinen besser geht als man auf einem humpelt, so werden wir auch nur dann weiterkommen, wenn wir nicht willkürliche Schwerpunkte konstru- 38