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Der jüdische Student · 1930-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1930) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
27 (1930)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1930)
Date
1930-01-01
Page
[Seite] (sequence 66)
Language
German
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wissen wir, daß das solange nicht möglich ist, bis unser nationales Problem durch Palästina gelöst ist. Es sind also nicht immer innere, geistige Gründe, die jüdische Menschen sich heute enger aneinander schließen lassen, sondern oft solche, die ihnen von der Umwelt diktiert werden, und auch bei dem Menschen unseres Kartells ist es so. Die Juden suchen heute die Juden und versuchen dadurch — bewußt oder unbewußt — ihr individuelles Judenproblem zu lösen. Es ist nicht die Aufgabe des K. J. V., ihnen das zu erleichtern. Es ist auch nicht die Aufgabe des K. J. V., seinen Mitgliedern eine Art „Nationalheimersatz" zu sein. Dabei müßten notwendig die Spannungen nachlassen, die durch die dauernde Berührung mit einer ablehnenden und fremden Umwelt entstehen und die erst (in Verbindung mit anderen) die starken Triebkräfte auslösen, die der Zionismus braucht. Auch Berliner stellt das häufige Fehlen von aktiven Triebkräften im K. J> V. fest. Aber da er von der Tendenz nach Gemeinschaft und Führung ausgeht, die merkwürdigerweise heute bei Juden zu beobachten sein soll, kommt er eben zu dem falschen Ergebnis, durch Schaffung einer möglichst engen und betonten Gemeinschaft latente Kräfte aktivieren zu können. Wir befinden uns eben in einer besonderen Situation, die eine besondere Betrachtungsweise erfordert. Die allgemeine Rechnung — ein Freiwerden physischer Kräfte durch Entlastung hier bedeutet gleichzeitig eine Erhöhung der Energien für andere Zwecke dort — stimmt bei uns offenbar nicht. Denn alles, was dazu dient, uns unsere geistige Situation als Juden hier zu erleichtern, bedeutet gleichzeitig eine Schwächung der revolutionären Impulse, ohne die unsere zionistische Bewegung heute nicht existieren kann. Ich glaube nicht, daß die Formen, das K. J. V. einer grundlegenden Aenderung bedürfen. Sie sind so gut, wie sie sein können. Im übrigen sehe ich auch in dem Reformprogramm Berliners keine grundsätzlich neuen Formen, sondern eine mir gefährlich erscheinende Intensivierung des kollektiven Charakters des K. J. V. Noch etwas : Ich bedauere und beklage besonders eine Stelle in Berliners Aufsatz: „Maßgebend für die Tauglichkeit des Zair ist akademische Zugehörigkeit, Unabhängigkeit in wirtschaftlicher Beziehung (selbstverständlich auch durch Selbstverdienen möglich) und entsprechendes Alter." Man lese und staune darüber, wohin die Ueberspitzung eines Gedankens führen kann. Weil natürlich gleichartige Beschäftigung, unabhängige wirtschaftliche Lage und gleiches Alter das Zusammenleben von Menschen erleichtert, sind diese Charakteristika für Bbr. Berliner maßgebend! Daß es gerade für uns junge Juden darauf ankommt, bei uns diese im schlechtesten Sinne „bürgerlichen" Instinkte zu überwinden, sieht Bbr. Berliner leider nicht; diese Instinkte der Abwehr gegenüber sozial schlechter gestellten Menschen, diese Instinkte, die deshalb bei uns so stark sind, weil man sich so lange gegen uns selbst gewehrt hat, und sich gegen uns selbst abgesondert hat. Die Stimmung im Kartell ist glücklicherweise für derlei Dinge nicht empfänglich, und es ist daher nicht so sehr wichtig, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Trotzdem würde es mich freuen, wenn Bbr. Berliner erklärte, maßgebend für die Aufnahme neuer Bundesbrüder in das Kartell seien Energie, Verantwortungsbewußtsein und geistige Freiheit! m

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