Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1930-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1930) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
27 (1930)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1930)
Date
1930-01-01
Page
[Seite] (sequence 65)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3537599-3537812-3537813--7455-3545497
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

führen gegen alle fortschrittlichen Bestrebungen in der Welt? Es sind eben jene Kreise arrivierter, wirtschaftlich gesättigter Menschen, denen alles Neue eine Bedrohung ist, eine Gefahr bildet, weil sie nicht voraussehen, wohin sie dieses Neue führt. Es kann die Aufgabe des Kartells«nicht sein, unsere Menschen durch Weisung von Wegen, deren notwendige Folge die Erreichung dieser Sättigung ist, deren Ideal das Ausweichen vor einem wirklichen lebendigen, produktiven und also sinnvollen Kampf um das Leben ist, so zu machen, wie unsere Gegner es sind. Wenn sie nicht im gerechten Kampf um produktive Arbeit ihr Schicksal als Juden empfinden sollen, wenn sie nicht dadurch zur höchsten zionistischen Aktivität angespornt werden, wodurch sonst? Blumenfeld führt folgendes aus: „Das Bedürfnis, leidenschaftlich Stellung zu nehmen und eine letzte persönliche Entscheidung zu fällen, ist in dem Maße geringer geworden, als man sich in irgendeine Art von jüdische Existenz abgefunden hat. Jeder kann sich organisatorisch in bestimmte Formen einbetten und findet Beruhigung in einer jüdisch-unerregteren ihm selbstverständlich verbundenen Gesamtheit." Unsere Bundesbrüder haben gewiß diese ihnen selbstverständlich verbundene Gesamtheit gefunden im und durch das K. J. V. Aber unser K. J. V. ist nur dann ein zionistisches Aktivum, wenn in jedem seiner Mitglieder zionistische Spannungen vorhanden sind. Räumt ihnen mit Sorgfalt alles aus dem Wege, was sie zur Besinnung über ihre jüdische Lage in Europa1 bringen kann, nämlich den Kampf mit der Außenwelt um ihre physische, produktive Existenz als Juden, und alle diese Spannungen werden sich verflüchtigen. \Bleiben wird eine eingebildete Gesinnung und ein gutes Gewissen. Ich zitiere wieder Blumenfeld: „Innerhalb unserer revolutionären Bewegung finden wir ein weite Schichten umfassendes, selbstbewußtes, auf Erfolg und unentwegte Gesinnung stolzes Milieu, den furchtbarsten Feind für eine kämpfende Bewegung." Noch einige Worte zu dem Aufsatz Berliners, dessen Ausführungen in einem Punkte einer Ergänzung bedürfen. Diese ist wichtig, weil sie doch zu anderen Schlußfolgerungen führt, als Berliner sie zieht. Die kollektivistische Einstellung unserer jungen Menschen ist kaum aus einer inneren Grundhaltung zu erklären, dazu stände ja ihr ausgesprochener Individualismus, den Berliner betont, in zu großem Widerspruch. Individualismus — Kollektivismus sind nun einmal Gegensätze, die sich miteinander nicht vereinigen lassen. Dieser beobachtete Kollektivismus ist auch etwas ganz anderes, als der wirkliche Kollektivismus unserer nichtjüdischen Mitwelt, bei der keineswegs polar dazu ein Wachsen des Individualismus festgestellt werden kann. Vielmehr ist das Bedürfnis jüdischer Menschen, sich in jüdischen Verbänden und Gemeinschaften auszuleben, eben aus diesem Anwachsen der kollektiven Grundstimmung der europäischen Umwelt zu erklären, die mit Naturnotwendigkeit zu einer immer größeren, und radikaleren Ausschließung der jüdischen Elemente aus ihren Reihen führt. Die Steigerung und schicksalhafte Zuspitzung der Klassengegensätze scheint zunächst zwischen Juden und Nichtjuden derselben sozialen Klassen die nationalen Gegensätze zu verwischen. So wichtig, erstrebenswert das ist, so 65

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.