Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 64)
- Language
- German
- Belongs to
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„Auch heute ist, allem gegenteiligen Scheine zum Trotz, diese geschichtliche Ursache unseres ökonomischen Pionier- und Spezialistentums noch wirksam. Es ist immer noch so, daß wir die neuen Wege austreten müssen, an denen die Anderen ihre Paläste bauen...", aber das wäre moch kein Grund, nicht gegen diese Tendenz mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln anzukämpfen, wenn wir sie als für unser jüdisches Schicksal schlecht empfinden. Aber Schloß fährt fort: „Für die Anderen mag es genügen, Medizin, Jura, Chemie oder Nationalökonomie schlechthin zu studieren. Für uns genügt es nicht. Erstens sind bei gleichem Studiengang unsere Berufsaussichten schlechter als die der Anderen, und zweitens sind wir nicht so bescheiden wie sie." . Hier aber antworten wir: Wir verzichten auf diese Unbescheidenheit, wenn sie nicht verbunden ist mit der Tendenz, jüdisches Schicksal in neue produktive Wege zu leiten I Wir verzichten auf diese Unbescheidenheit, „die neuen Wege auszutreten, an denen die Anderen dann ihre Paläste bauen!" Wir verzichten auf diese Unbescheidenheit auch dann, wenn wir diese Wege nicht nur, wie Schloß meint, „als Schnorrer durchirren müßten", sondern wenn es auch erlaubt ist, hier und da auch für uns selbst einen kleineren oder größeren Palast zu bauen. Heute, in dem Augenblick, in dem die arbeitende Welt sich in einem Riesenkampf um ein gerechteres Dasein befindet, wird uns zugemutet, weiter mit den „Anderen", den „Feinden der arbeitenden Menschheit" die Wege zu bahnen, — weil wir so unbescheiden sind. Was diese Problematik der Berufswahl zionistischer Menschen mit dem gegenwärtigen politischen, Regime in Rußland zu tun hat, ist ganz und gar unerfindlich. Unerfindlich ist auch, was Schloß mit der „Wiederherstellung des wirtschaftlichen Gleichgewichtes in Europa" meint. Meint er vielleicht jenes wirtschaftliche Gleichgewicht, das 1914 zum Weltkrieg geführt hat? Oder welches sonst? Und inwiefern sollte eine solche Wiederherstellung an der wirklichen Problematik unserer Berufswahl etwas ändern? 2. Abgesehen von dieser wichtigsten, grundsätzlichen Einstellung zur Berufswahl begeht Schloß einen Kardinalfehler, wenn er meint, durch eine solche Verbesserung der Berufsaussichten ein Freiwerden von idealistischen Energien zu erzielen. Was ums not tut, ist nicht eine Umgehung des Lebenskampfes, kein Ausweichen, nicht ein „Ansiedeln in den Fugen der jeweiligen Wirtschaftsform". Denn angenommen auch, es gelingt dadurch, die Zukunftsaussichten unserer jungen Menschen zu bessern, was wäre damit erreicht? Ich selbst kenne viele Fälle, in denen zionistisch bewährte Menschen durch unverhoffte Besserung ihrer wirtschaftlichen Lage alle zionistischen Spannkräfte verloren, weü die plötzlich in ihnen erwachte Gier nach einem immer größeren Wohlstande in ihnen keinen Raum mehr für idealistische Ziele freiließ. Ist es denn unbekannt, daß sich die wirtschaftliche und gesellschaftliche Oberschicht der Juden in der ganzen Welt am längsten — wie Blumenfeld darlegt — gegen eine eindeutige Eingliederung in die jüdische Gesamtheit gewehrt hat? Welche Kreise in der Judenheit führen denn heute noch den schärfsten Kampf gegen den Zionismus, genau so, wie sie den Kampf 64