Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 59)
- Language
- German
- Belongs to
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IL Es ist nicht meine Absicht, einen sachlichen Bericht über die Tagung zu geben. Ein solcher wird, ebenso wie im Vorjahre, gedruckt erscheinen und den Inhalt der Referate und Debatten wiedergeben. Für mich waren in den wenigen Tagen meiner Anwesenheit nicht die sachlichen Fragen in erster Linie wichtig, vielmehr die Möglichkeit des Kennenlernens von Menschen der heutigen jüdischen Jugendbewegung (J. J. W. B., Kameraden, Deutsch-Jüdische Jugendgemeinschaft waren dort besonders stark vertreten). Dem Pessimisten sei es gesagt, daß es eine solche Jugendbewegung auch heute noch gibt. Sie ist zwar weniger romantisch und sachlicher, als sie es früher gewesen ist; sie berührt sich stärker mit der Jugendpflege und ist im ganzen friedlicher geworden; aber auch sie zeigt echtes, jugendliches Leben und sucht sich — das typische Merkmal gegenüber dem Spießertum — an der Außenwelt zu bewähren. Durch das Gefühl gemeinsamer sozialer Verantwortung und Arbeit ist diese Jugend untereinander in einem Maße verbunden, wie es vor zehn Jahren unmöglich gewesen wäre. Fast alle sind sie von der jüdischen Welle getragen, die der Zionismus im deutschen Judentum hervorgerufen hat. Auch die Nichtzionisten unter ihnen sprechen von der Assimilation, die sie ablehnen, und streben nach einer Erneuerung jüdischen Lebens. Sie erkennen die Wichtigkeit des Palästina-Aufbaus an, sehen aber in ihm nur eine, wenn auch wichtige Aufgabe unter mehreren, die alle der jüdischen Erneuerung dienen. Gegenständlicher und dringender empfinden sie die soziale Aufgabe, die ihnen die Umwelt stellt, und so sind sie mit Schwung und Freude in dieser Arbeit tätig und auch großenteils Sozialisten geworden. III. Das K. J. V. steht außerhalb dieser Bewegung. Allen den verschiedenen Bünden ist gemeinsam, daß sie sich in und an der Außenwelt bewähren wollen. Da mußte ihnen ein K. J. V. fremd bleiben, das sich schon seit Jahren in der Linie des geringsten Widerstandes entwickelt, und bei dem der Verbindungsbetrieb geradezu zum Selbstzweck geworden ist. Allerdings mahnen die in Alijah und Hachcharah von Bundesbrüdern gemachten Erfahrungen zur Vorsicht, mußte aber diese Vorsicht so in Skepsis ausarten? Warum ist das K. J. V. außerstande, in der Hebraisierung Fortschritte zu machen, wie sie beim J. J. W. B., und vielleicht auch bei den Kameraden spürbar sind? Ist es nicht völlig unerträglich, daß heute in Berlin an 500 jüdischen Jugendlichen in sozialen Pflegegruppen eine wichtige Arbeit geleistet wird, an der bei über 20 Helfern nicht ein einziger K. J. V.er beteiligt ist? Ist es nicht tief bedauerlich, daß die Kameraden ihre Verantwortung für die Jugend unseres Volkes, auch die ostjüdische, empfinden, das K. J. V. aber in die Streitfragen zionistischer Politik und Ressentiments völlig verstrickt ist? Aufgabe des Präsidiums wäre es gewesen, die Bundesbrüder zur bescheidenen Einordnung in die Reihen der übrigen zionistischen Jugend zu erziehen. Es ist kein Wunder, daß einem solchen K. J. V. die Werbung der wertvollen Kräfte aus der Jugendbewegung schwer fällt. Die Bünde lernen langsam aus ihren Fehlern und denen vergangener Bünde, mit mehr Geschick 59