Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
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und keine Nebenzwecke in ihm verfolgen. Die Frage ist, ob das K. J. V. noch einmal erneuert und der heutigen Zeit angepaßt werden kann oder ob man die Hoffnung darauf je eher desto besser endgültig aufgeben und die Gründung einer neuen Organisation an den Universitäten — denn auf die Akademiker kommt es nach wie vor an — ins Auge fassen soll. Ehe man sich zu dem gewiß schwierigen Unternehmen einer Neugründung entschließt, sollte man aber jedenfalls den Versuch machen, das was am K. J. V. wertvolle Tradition ist, zu erhalten und mit einer inneren Erneuerung in Verbindung zu bringen. Das könnte aber nur durch eine dem Zionismus ergebene, von allem überholten K. J. V.-Ballast und allem politischen Ehrgeiz unbeschwerte junge Leitung geschehen! * Die jüdische Jugendbewegung und das K. J. V. Bemerkungen anläßlich der zweiten sozialen Woche des Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbände in Seesen vom 25. bis 31. Dezember 1929. Von Heinrich Strauß, Hamburg. I. Als einzigem K. J. V.er, der —wenn auch nur teilweise — an der Seesener Tagung teilgenommen hat, fällt mir die Aufgabe zu, dem Kartell zu berichten. Eine soziale Woche ähnlicher Art hatte schon im Jahre zuvor im Ferienheim des Reichsausschusses in Seesen stattgefunden. Dabei hat sich gezeigt, daß in den acht Tagen gemeinsamen Lebens und Arbeitens zwischen den aus der Jugendbewegung stammenden oder ihr nahestehenden Menschen eine Bindung geschaffen war, die die verschiedensten Bünde und Parteien umfaßte und im vergangenen Jahre für die soziale Arbeit der Jugend, besonders in Berlin, sehr fruchtbar geworden ist. Ein „Seesener Kreis" hatte sich gebildet, einig im Kampfe für die Reform der jüdischen sozialen Arbeit. Auch im letzten Jahre hat eine solche Tagung wieder stattgefunden, an der ich leider nur die wenigen Tage vor dem Delegierten tag teilnehmen konnte. Vom ersten Augenblick an war für den neu Hinzukommenden, die Verbundenheit spürbar, die durch die Arbeit des Reichsausschusses und den gemeinsamen Impuls zu sozialer Arbeit geschaffen worden ist: Gemeinsam war allen das Gefühl sozialer Verantwortung und die Kampfstellung gegenüber selbstzufriedenem Spießertum. Dies gemeinsame Grundgefühl schuf auch bei der Aussprache zwischen den Bünden eine freimütige Atmosphäre. Bei der Frage der Erfassung der noch unorganisierten jüdischen Jugend wurde von den verschiedensten Seiten an der Arbeit des größten Verbandes heftige Kritik geübt. In einer früheren Zeit wäre darauf unfehlbar eine scharfe Erwiderung dieses Bundes und eine schwere Verstimmung gefolgt. Hier, in der Stimmung gemeinsamer Arbeit, gab der Vertreter des angegriffenen Bundes die Fehler unumwunden zu und forderte die anderen zur Hilfe und Mitarbeit zwecks Besserung auf. Es war das einer der schönsten Momente der Tagung, und mit dieser ehrlichen Offenheit wurde die Würde des kritisierten Bundes am besten gewahrt. 68