Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
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werden, immer die Gefahr, daß die Verbindung sich für die Bildungsarbeit nur insoweit verantwortlich fühlt, als es sich um die Auswahl des Referenten handelt. Daher sollten bei allen Kursen die Bundesbrüder intensiv herangezogen werden durch Referate usw. Auch bei den jüngeren Bundesbrüdern ist die Erkenntnis noch nicht durchgedrungen, daß im Kartell jeder gleichzeitig Objekt und Subjekt der Erziehung ist. Der Grund für solche Stimmung mag in der Ueberbetonung des Unterschiedes zwischen Füchsen, und Burschen liegen. Im Rahmen der Erziehung zur Verantwortlichkeit durch Selbstarbeit liegt auch der Versuch, die Kurse zu ergänzen oder zu ersetzen durch Arbeitsgemeinschaften, bei denen jeder die Verantwortung für das Gelingen trägt und beim Mißlingen nicht die Schuld auf die Charge schieben kann. Man muß sich aber weiter vor Augen halten, daß jede Erziehung ihr wirksamstes Erziehungsmittel im Beispiel findet. Daher wird Erziehung zur Alijah z. B. nur möglich sein, wenn im Kartell Menschen sind, von denen man bestimmt weiß, daß sie nach Palästina gehen werden. Auch die Erziehung zu Disziplin und Pünktlichkeit, die für uns nicht nur deshalb wichtig ist, weil sie zu einem geordneten Verbindungsbetrieb nötig ist, sondern weil sie Erziehung zur Kollektiv Verantwortung ist, hängt im wesentlichen vom vorgelebten Beispiel ab. Niemals wird ein Chargierter erreichen, daß der ganze Betrieb zuverlässiger ist als er selbst. Endlich sei noch eine Einrichtung erwähnt, die dazu dient, die Füchse zur Verantwortlichkeit heranzuziehen, und das ist der Fuchsenkonvent, wo sich die Füchse unter sich über die Gestaltung des Verbindungslebens unterhalten. Wir haben in Heidelberg mit ihm, wie mit der Arbeitsgemeinschaft^ recht gute Erfahrungen gemacht. Hans Capell: Unser positives Erziehungsziel ist zwar nicht umstritten, dagegen sind die Mittel und Wege, die scheinbar allgemein gültig gewesen sind, fragwürdig geworden. — Die studentische Verbindung in Deutschland hat eine historische Funktion erfüllt. Sie war, einerseits die lebendigste und führende Gruppe im Kampf um die Einheit Deutschlands, auf der anderen Seite versorgte sie den Staat und die politischen Parteien mit den notwendigen Beamten und Führern. Mit der Gründung des deutschen Reiches verlor die Studentenschaft ihren oppositionellen freiheitlichen Charakter und wurde zur Stütze der herrschenden Schicht des neuen Reiches. Moral und Ehrvorstellung dieser Schicht wurden die des Akademikertums. Es war schmuck und farbenfreudig und hatte sich aus jahrhunderteralter Tradition einen Kanon der Geselligkeit entwickelt. Ob die Anziehungskraft der Korporationen auf der ideellen Vorstellung vom Dienst am Staat beruhte oder auf der Aussicht, eine fest besoldete Beamtenstellung zu erlangen oder auf dem Nimbus, der auf den Verbindungen überhaupt lag, möchte ich dahingestellt sein lassen. In der Welt dieses Akademikertums entstanden unsere Verbindungen.. Sie übernahmen die typischen Ehrenvorstellungen, die äußere und innere 49>