Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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4. nicht mehr Verbindungen aufmachen, als man wirklich gut besetzen kann; unter „guter Besetzung" verstehe man keine Zahl, sondern eine Kraft. Drei tüchtige Leute, die zeitlich *frei sind, wissen, was sie wollen, und guten persönlichen Zusammenhalt miteinander haben, sind wertvoller als der bekannte gute Erstchargierte (sogar, wenn er wirklich einer ist) und fünf „aktive Burschen^. Ich weiß, daß sie auch erheblich schwerer zu finden sind (und weiß überhaupt, daß man die praktischen Schwierigkeiten erst am „grünen Tisch" wirklich sieht!!) Aber: ultra posse nemo obligatur, auf Deutsch: man soll nicht immer wieder etwas anfangen, was man nicht zu Ende führen kann. Man soll deshalb 5. auf Kontinuität der Besetzungen über mehrere Semester hinweg den größten Wert legen. Wenn wirklich gute Arbeit geleistet werden soll, fangen ihre Früchte frühestens an, etwa nach dem dritten Semester sich bemerkbar zu machen. Der ganze Jammer unserer Verbindungspraxis, die Tatsache, daß man immer wieder von vorn anfangen muß, ist auf dieses schlechte, grundverkehrte Arbeitsprinzip zurückzuführen, das mit Ausnahme der zwei reinen Sommeruniversitäten sicherlich überall überwunden werden kann. Füchse mögen auf ein Semester nach Freiburg gehen. Burschen soll man grundsätzlich nicht gestatten, ihren Aufenthalt zu wechseln, wenn sie sich nicht für mindestens zwei bis drei Semester verpflichten, an ihrem neuen Wohnsitz zu bleiben, und auch die hieraus erwachsenden Schwierigkeiten muß man um des Qualitätsprinzips willen in Kauf nehmen. Das theoretisch Schwierigste an diesem Kapitel ist die Auffindung richtiger Maßstäbe für die gesunde innere Zusammensetzung der Verbindungen, wenn man sich nämlich als Aufgabe stellt, aus ihnen lebendige und erzieherisch kraftvolle Organismen mit eigenem Gesicht und Charakter zu machen. Natürlich, man soll die Leute zusammensetzen, die „zueinander passen". So einfach ist das aber auch in der Theorie nicht, denn es gibt Verbindungen mit ganz gutem persönlichen Zusammenhalt, aber, ohne pädagogischen, zionistischen Wert. Bedenklich ist es auch, die Anpassungsfähigkeit des einzelnen Bundesbruders an bestimmte Einzelzüge mancher Verbindungen zum Maßstab zu machen, die doch oft nur recht fragwürdige Einseitigkeiten sind. So ist es mir z. B. höchst fraglich, ob die „Zerebralität" der Berliner Maccabaea oder die ausgeprägte, frisch-frohe Körpertüchtigkeit anderer Verbindungen unbedingte Förderung verdienen. Immerhin wird dem jetzigen Zustand gegenüber schon ein großer Fortschritt erreicht sein, wenn man sich bei jeder Ueberweisung davon leiten läßt, daß 6. die Einfügung des einzelnen Bundesbruders gerade in die betreffende Verbindung in ihrem gegenwärtigen Zustand eine erzieherisch möglichst fruchtbare sein soll. Besonders ist auch auf die gesunde Struktur der Verbindungen nach Altersgenerationen zu achten, eine Forderung, die zeitweise in Berlin in unverständlichem Maße verletzt worden ist, obwohl sie im allgemeinen relativ mühelos erfüllt werden kann. 30