Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber, bitte sehr, doch nicht nur davon! Was wir heute auf diesem Oebiet an Traditionalismus erleben, kann an Unsinnigkeit vielfach kaum überboten werden. Begriffe wie Ueberweisung und Bezirksverband sind dem Kartell nicht neu (letzterer allerdings nur für Alte Herren!). Aber wie, unter welchen Aspekten, werden sie wirksam?!! Das Ueberwei9ungsressort hat seine erprobten Methoden: in jedem Semester müssen eine feste Anzahl von Universitätsorten ausreichend! „besetzt" werden. Dafür braucht man mindestens einen ,yguten Erstchargierten" und eine Mindestzahl aktiver Burschen. Zu einem „guten Erstchargierten" gehören ein paar bestimmte Eigenschaften: Aktivität, Intelligenz, möglichst Redefertigkeit und repräsentables Auftreten, organisatorisches Geschick, der Grad des Burschen und die communis oppinio des „guten Bundesbruders". Bei den übrigen Burschen verlangt man ein Mindestmaß von Aktivität, weiter nichts. Und das traurigste ist, daß innerhalb einiger weniger Gegensatzpaare („aktiv — unzuverlässig", „netter Bundesbruder — unsympathischer Kerl"; es gibt einen eigenen Jargon" dafür) sich alles psychologisch-pädagogische Denken und gegenseitige Bewerten unserer Menschen abspielt, mit Ausnahme eines kleinen Kreises von Bekannten, für den dann meist ganz persönliche Maßstäbe gelten. Man kennt das Stereotype solcher „Lebensläufe": „früher war er eine Zeitlang ganz aktiv", „jetzt hat er resigniert", „steckt im Beruf, Examen", „in einer Krise" usw. Das Traurige ist dabei nicht so sehr die psychologische Dürftigkeit solcher Urteile, die mit technischen und geographischen Schwierigkeiten zum Teil erklärt werden könnten, sondern die völlige Unzulänglichkeit der organisatorisch-pädagogischen Wertbegriffe, die sich darin kund gibt, und zwar sowohl bei den verantwortlichen Präsidialinstanzen wie bei der Masse der Bundesbrüder in den Verbindungen. Das Unzulängliche dieser Psychologie liegt in ihrer isolierenden, atomistischen Methode. Solange man den Bundesbruder stets nur als einzelnen sieht, wird man in solcher Aeußerlichkeit und Oberflächlichkeit des Urteils stecken bleiben, das das Individuum gerade nur in seiner äußerlichsten, grob meßbaren Beziehung zur Gruppe (seiner Aktivität und Attraktivität also) wertet. Daß die „Aktivität" des einzelnen nicht nur eine Funktion seiner individuellen Entwicklung, sondern vor allem auch des Lebens seiner Gruppe ist, des Zusammenhangs, in den er gestellt ist, das muß nicht nur erkannt, sondern auch in praxi berücksichtigt werden. Dieses „organische" Denken ist weiten Teilen des Kartells gänzlich verloren gegangen, vor allem mangels eigener Anschauung und Tradition eines gesunden, normalen Verbindungsjebens. Die Realität ist vielerorts so kümmerlich, daß man sich gar nichts Besseres vorstellen kann — und wie unter solchen Aspekten „fruchtbar" gearbeitet werden kann, ist leicht auszumalen. Therapie: Man verzichte auch hier auf Quantität auf Kosten der Qualität, brüste sich nicht mit Keilstatistiken, sondern suche gute Verbindungen zu schaffen. A la longue ist das auch die beste Keilpolitik. Daher soll man 4* 29