Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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jähre, eine größere Anzahl starker Individualitäten im Kartell, Persönlichkeiten, die bestimmte Gedanken nicht nur intellektuell, sondern mit dem ganzen Einsatz der Person vertraten. Geistiger Kampf, getragen durch Individuen, war wirklich, wirksam, führte z. B. nach Palästina. Das heutige Kartell dagegen zeichnet sich durch beträchtliche Nivellierung der individuellen Eigenschaften aus. Geistige Kämpfe berühren nur einzelne, fast nur die, welche sie austragen. Die Masse wird nur vorübergehend erfaßt, die Erschütterungen zerflattern, werden nicht gehalten, nicht gebunden. Das heutige Kartell braucht objektive Bindungen, braucht den Bund als Lebensstil (freilich nicht den irrationalen der Jugendbewegungen), das heutige Kartell braucht Formen seines Lebens, braucht — Organisation. Organisation ist keine Angelegenheit routinierter Bürokraten und Statutenspezialisten. Organisation ist Zielbewußtheit, Zielstrebigkeit, ist objektive Bindung der auseinanderstrebenden Individualitäten an die Sache, ist Ernstmachen mit der Arbeit, mit unserer Leitung. Die „korporative Erziehung" war einer Generation vor uns ein symbolischer, hoher zionistisch-moralischer Begriff. Er wäre heute für uns wieder von größtem Wert. B. Man hat bei uns gesagt, es sei verfehlt, soviel vom Ziele zu reden und seine Anerkennung zu fordern. Man hält nichts von Deklamationen. Wichtiger sei es, die objektiven Schwierigkeiten nach Möglichkeit aus dem Weg zu räumen. (Dahin gehört z. B. die neueste Theorie: Berufsrealismus; ich bin übrigens nicht dagegen.) Man mag das tun; im Grunde ist die Situation aber unverändert, und das Heil kommt gewiß nicht von der gesicherten Karriere. Ich weiß keinen anderen Weg zur Erschütterung von Menschen, als den der Sprache; und ganz ohne solche Erschütterung geht es nicht (vorsichtiger kann ich mich nicht ausdrücken!). Es ist also nicht meine Ansicht, daß man auf Diskussion, Theorie, geistige Fundierung usw. verzichten soll. Aber es ist etwas anderes, Kräfte zu wecken, und etwas anderes, Kräfte zu binden; jenes ist der erste, dieses der zweite Schritt, und von diesem ist hier zu reden. Eine eigentliche streitige Diskussion um diese Dinge vor der Oeffentlichkeit des Kartells, etwa die Forderung der Anerkennung bestimmter Ziele, halte ich übrigens deshalb für sinnlos, weil kein Mensch diese Anerkennung verweigert, jeder sie akzeptiert. Um es offen zu sagen: ich glaube an die letzte Ehrlichkeit dieser Anerkennung nicht. Aber mit Dialektik läßt sich das nicht beweisen, und deshalb fordere ich die Probe aufs Exempel, fordere ich den zweiten Schritt. In der zionistischen Weltpolitik wird heute eine Frage diskutiert, die sich etwa so konstruieren läßt: Hängt unser Schicksal im wesentlichen von unserer eigenen Kraft oder von den Konstellation, von äußeren Mächten (z. B. England, z. B. Araber) ab? Die analoge Fragestellung spielt gegenwärtig im Kartell, für die Erziehung des jungen Kartells, eine Rolle. Sie ist wohl die einzige prinzipielle Frage, die bei uns nachweisbar kontrovers ist. Aber ebenso wie bei der entsprechenden weltzionistischen Frage läuft hier die Beantwortung nicht auf eine Alternative, 26