Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der zweite Schritt. Bemerkungen zur organisatorischen Kartellpraxis als Material für den Kartelltag. Von Paul Schnur mach er (Maccabaea Berlin i.a. B.). Plattform. A. Die Diskussion der Kartellprobleme wird bei uns in letzter Zeit ins ausreichendem Maße geführt (siehe Dezember-J. St.). Sie besteht durchwegs in umfassenden Analysen der Situation — auch an groß angelegtem Programmen fehlt es nicht. Dem außenstehenden Beobachter könnte somit das Kartell das Bild einer von Gefahren zwar keineswegs verschonten, ihrer Aufgaben und Wege jedoch ernst und kritisch bewußten, dauernd um die Erreichung ihrer Ziele ringenden Bewegung bieten. Wer die Dinge von innen kennt, weiß, daß dem nicht so ist. Mit dem selbstkritischen Bewußtsein mag es noch angehen; mit dem dauernden Ringen um die Verwirklichung ist es übel bestellt. Besonders dem jungen Kartell fehlt es, das hat Berliner richtig gesagt, durchaus an aktivistischem Geist. Ich sehe die Quelle der „sterilen Aufgeregtheit" in der akademischen Struktur des K. J. V. und in seiner veränderten Konstellatioifclgegenüber den geographischen Hauptschauplätzen zionistischen Realität (früher Mitteleuropa, heute Palästina, London, Amerika). Statt einer ausführlichen Analyse ein paar Worte der Kritik der hier wichtigen Symptome: Wer nicht, oder nicht nur, im K. J. V. groß geworden ist, z. B in der Jugendbewegung — oder wer den Stil praktischer Organisationsarbeit im Zionismus kennt, steht immer wieder fassungslos vor dem Geist der „ewigen Diskussion", die im K. J. V. zu herrschen scheint. Das geistige Leben der K. J. V.er besteht zu 90 <*/o in den erfolgreichen Versuchen, sich intellektuell gegeneinander abzugrenzen, wenn nicht anders möglich, durch Aufsuchen immer feinerer Nuancen der Differenzierung. Wo es sich um praktische Probleme z. B. auch des Kartell-Lebens handelt, bemüht man sich möglichst klar die theoretische Lösung zu formulieren, kämpft miteinander um die richtige Formel, und dabei bleibt es. Der zweite Schritt, die Ausführung, wird nicht getan; tausend Dinge werden angefangen, kaum eines zu Ende geführt. Nirgends das Gefühl eines zielbewußten Fortschreitens des Kartells als ganzem, meßbar z. B. in Resultaten der Erziehung. Dieselbe Erscheinung im Leben der einzelnen Verbindungen: keinerlei Kontinuität, weder in Programmen noch in Personen, begünstigt durch das famose, auf altehrwürdigen studentischen Bräuchen beruhende System semesterweiser Arbeitsabschnitte. Im ganzen fast überall viel guter Wille und ziemlich viel Geist, aber doch ohne den letzten Ernst wirklicher, praktischer Sachlichkeit. In der ersten Zeit nach dem Kriege mochte dieser Lebensstil der Kartellgemeinschaft noch eine gewisse Berechtigung haben. Damals gab es, zum Teil bedingt durch Erschütterungen der Kriegs- und Revolutionss- 25