Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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die Bildung einer sozialistischen Organisation setzt das Vorhandensein proletarischer Klasseninteressen bei dem Gros ihrer Mitglieder voraus. Da diese bei der ganz überwiegenden Mehrheit, bei mindestens fünfundneunzig Prozent der aus Deutschland stammenden zionistischen Sozialisten nicht vorhanden sind, ist der zionistische Sozialismus in Deutschland als politische Organisation keine sehr schöpferische Angelegenheit. Er wirkt im Rahmein des deutschen Zionismus ungefähr so wie die „Weltbühne" im Rahmen der deutschen Politik: sehr ehrlich, manchmal sehr klug, aber immer ohne Orientierung an Realitäten. Aus diesem Grunde kann das K. J. V. keine sozialistisch orientierte Jugendorganisation aufmachen. Sie würde zudem an der Konkurrenz des J. J. W. B., dessen großenteils aus ostjüdischen jungen Proletariern gebildete Bünde einen legitimen Sozialismus vertreten, wahrscheinlich scheitern müssen. Die geistige Grundlage der von uns zu schaffenden Jugendorganisation müßte ein klar und eindeutig formulierter nationaler Zionismus sein. Herzl ist auch heute noch nicht der schlechteste Pädagoge. Man muß sich darüber klar sein, daß der Aufbau einer derartigen Organisation in heutiger Zeit nicht leicht ist. Ganz abgesehen davon, daß „Kadimah" und „Zophim" einen großen Teil der in Frage kommenden Jugendlichen heute organisatorisch erfaßt haben, verfügen wir nicht über eine unbegrenzte Zahl von geeigneten Jugendführern. Im Gegenteil. Die Schar der geeigneten Leute ist außerordentlich klein. Trotzdem sollte man bald ans Werk gehen. Die Aufbauarbeit, die wir hier zu leisten haben, ist eine Sache auf lange Sicht. Vielleicht werden wir erst in ein paar Jahren so etwas wie einen großen Jugendbund geschaffen haben. Aber der entscheidende Fehler unserer Kartellpolitik während der letzten zehn Jahre bestand ja eben darin, daß wir nicht auf lange Sicht geplant und gearbeitet haben. Und diesen Fehler sollten wir in Zukunft vermeiden. Welche Kreise der jüdischen Jugend Deutschlands sollen wir bemüht sein zu erfassen? Ich glaube alle, die überhaupt erfaßt werden könnei*. Allerdings wird es schwer sein, gegen Jli und Kameraden zu keilen, da dieser Kreis von Menschen sich heute durch die Formel „deutsch-jüdisch" einen Ausweg — richtiger wohl gesagt: eine Ausflucht — aus seinen jüdischen Problemen gebaut zu haben glaubt. Ich fürchte, daß die Ausführungen, die Kanowitz im letzten „J. St." über die Notwendigkeit gemacht hat, mit diesen Menschen Diskussionen über unser Judenproblem zu führen, allzu optimistisch gewesen sind. Die Formel „deutsch-jüdisch" ermöglicht eine relativ bequeme Lösung des subjektiven Judenprohlems, die Erkenntnis des Zionismus bleibt immer höchst unbequem und ist eine ständige seelische Anspannung. Wer die menschliche Natur ein wenig kennt, wird der Möglichkeit, jenen Kreis, der sich in das deutsche Kulturmilieu durch die Formel „deutsch-jüdisch" eingeordnet zu haben glaubt, für den Zionismus zu gewinnen, etwas skeptisch gegenüberstehen. Die dritte Arbeitsaufgabedes Kartells ist Palästina. Die richtige Fragestellung zu diesem Problem heißt: „Wie erreichen wir die größtmögliche Leistung des Kartells und der einzelnen Bundesbrüder 23