Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Die zweite Aufgabe des Kartells ist die propagandistische Offensive gegen die (nichtzionistische Jugend in Deutschland. Die von uns bisher geübten Keilmethoden reichen nicht mehr aus. Daß wir auch in Zukunft mit möglichst noch größerem Eifer alle uns bekannten jüdischen Akademiker zu werben versuchen, daß wir uns in werbetechnischer Hinsicht noch erheblich verbessern, sind Selbstverständlichkeiten. Aber das genügt nicht. Denn der Kreis der Menschen, die wir überhaupt erfassen können, ist nicht groß genug, um den zionistischen Nachwuchs zu stellen, den die Bewegung braucht. Wir müssen immer damit rechnen, daß von hundert Aktivmeldungen, die wir bekommen, etwa fünfzehn noch innerhalb der Aktivenzeit wieder aus dem Kartell verschwinden, daß weitere siebzig für eine aktive zionistische Arbeit, mit der man die Bewegung weiterbringt, nicht geeignet sind. Und die restlichen fünfzehn Prozent reichen eben zur Bewältigung der Arbeit nicht aus. Unsere Werbearbeit muß auf eine viel breitere Basis gestellt werden. Das Kartell muß sich wieder eine große zionistisch e Jugendorganisation schaffen. In dieser Jugendorganisation kann man dann auch rechtzeitig mit einer für Palästina geeigneten Berufsberatung der jungen Menschen beginnen. Es ist klar, daß man heute keine Jugendbewegung im Stil des Blau-Weiß mehr aufziehen kann. Eine solche romantische, bürgerliche Jugendbewegung gibt es nirgend mehr. Die Jugendverbände, die heute existieren und eine sozial-pädagogische Bedeutung haben, sind politische Jugendverbände: die Parteijugenden der großen mehr oder weniger weltanschaulich fundierten zukunftsreichen Parteien der verschiedenen Völker. Es ist die, Frage, wie man vom K. J. V. aus innerhalb des Zionismus eine solche Jugendorganisation schaffen und welche politische Grundlage man ihr geben kann. Eine für sämtliche Gruppen im Zionismus verbindliche ideologische Grundlage gibt es nicht. Pädagogik, insbesondere aber politische Pädagogik, die mehr sein will als eine stupide Rekrutendrillerei, bedarf der geistigen Fundierung. So wird es notwendig sein, auch diese zu schaffende Jugendorganisation in dem Sinne einer der drei oben gekennzeichneten großeai zionistischen Gruppen zu erziehen. Da aus den Kreisen des Kartells bei der Zusammensetzung des K. J. V. eine religiös orientierte Jugendorganisation wohl kaum geschaffen werden kann, bleibt nur die Entscheidung zu treffen, ob das Kartell seine Jugendorganisation sozialistisch oder schlechthin national fundieren will. Ich bin der Meinung, daß man hier einmal — auch auf die Gefahr hin, sich in weitesten Kreisen des deutschen Zionismus unpopulär zu machen — den Mut zur Wahrheit und Klarheit haben soll! Jede zionistisch-sozialistische Or ganisationsf orm, die in Deutschland, ei<nem Land ohne breites zionistisches Proletariat, von Menschem bürgerlicher Herkunft gemacht wird, entbehrt der historischen Legitimität. Damit ist nichts über den Wert und die Echtheit der sozialistischen Gesinnung dieser Menschen gesagt. Die kann sehr echt und sehr tief begründet sein. Dennoch sind diese Menschen niemals imstande, sich zu einer objektiv sozialistisch wirksamen Organisationsform zusammenzuschließen. Denn 22