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Der jüdische Student · 1930-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1930) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
27 (1930)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1930)
Date
1930-01-01
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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gründet sein, in der Unmöglichkeit, in diesen Tagen härtesten wirtschaftlichen Existenzkampfes Menschen durch eine Idee und für eine Idee sich so zu begeistern, wie in Zeiten materiellen Wohlstandes. Es mag auch darin begründet sein, daß der Zionismus eine praktische Angelegenheit geworden- und damit der Kritik der Praxis ausgesetzt ist, einer Kritik, die dem Gedeihen der Idee nicht immer förderlich ist. Diese objektiven Faktoren sind zweifellos wirksam. Aber sie reichen nicht aus, um die erschreckende Stagnation des deutschen Zionismus zu erklären. Noch andere Gründe wirken mit, Gründe, die zu ändern im Bereich unseres Willens und unseres Könnens liegt. Der deutsche Zionismus ist überaltert. Und er ist korrupt. Er ist überaltert. Dieselben Menschen, dieselben Ideologien, dieselben persönlichen Gegensätze wie vor zwanzig, dreißig Jahren beherrschen Ortsgruppen, Landesvorstand, Geschäftsführenden Ausschuß. Sucht man nach den Ursachen, so findet man ein Versagen der jungen Generationen, das zunächst befremdlich erscheint. Doch man darf nicht übersehen, daß diese jungen Generationen durch drei Katastrophen dezimiert worden sind, von denen zwei ihren Ursprung ganz außerhalb der zionistischen Einflußsphäre haben: durch den Weltkrieg, durch die Inflation und durch den Zusammenbruch des Blau-Weiß. Der Weltkrieg mordete viele junge Juden. Anderen, die ihn überlebten, zerbrach er die Seele. Vor allem aber zerstörte er das geistige Weltbild des Europäers. Zumal für Deutschland endete er mit einem Zusammenbruch aller bis dahin geltenden sozialen und sittlichen Normen. Für die geistigen Deutschen, die in der ideellen und materiellen Realität ihres Deutschtums wurzelten, bedeutete das groteske Durcheinander widerstreitender Ismen, durch den das geistige Leben unmittelbar nach dem Kriege gekennzeichnet war, nicht viel mehr als eine geistesgeschichtliche Episode. Für die seelisch mehr oder weniger wurzellosen jungen Juden in Deutschland aber war es eine Katastrophe. Sie verloren sich — je reicher sie intellektuell begabt waren, um so mehr — an irgendeinienr rationalistisch-doktrinären Radikalismus, der sie teils aus dem Zionismus hinaus, teils innerhalb des Zionismus zu politischer Sterilität bei größter pseudopolitischer Aktivität führte. Es entwickelte sich — vor allem auch im K. J. V. — jener zionistische Intellektuellentyp, der auch heute noch nicht aus der Bubertät herausgekommen ist. Die Inflation tat ein Uebriges. Sie zerstörte die Existenzgrundlagen breitester jüdischer Bevölkerungsschichten, sie vernichtete die letzten Reste kaufmännischer Solidität und wirtschaftlicher Moral, sie schuf ein Levantinertum, dem ganze Generationen junger Juden zum Opfer fielen. Sie wurden zu asozialen, politisch unbrauchbaren und uninteressierten Individuen. 9 Beide Momente, Weltkrieg und Inflation, haben denn auch beim Zusammenbruch des Blau-Weiß keine kleine Rolle gespielt. Dennoch, dieser Zusammenbruch, der ein großes Unglück für den deutschen Zionismus war, hätte vermieden werden können. Es wäre wohl möglich gewesen, aus 15

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