Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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nahezu ein Jahrhundert. Und wir alle kennen die unerträglichen seelischen Spannungen, die grauenhaften Degenerationserscheinungen, unter denen er sich vollzieht. Das ist die Judenfrage, die Not von 15 Millionen Juden. Was bedeutet es demgegenüber, ob ein paar Hunderttausend ein binationales Gemeinwesen in Palästina als glückliche Menschen bewohnen? Nun, vielleicht bedeutet das sehr viel. Denn jene palästinensischen Juden — wirtschaftlich und gesellschaftlich normal geschichtet, mit breiter Landwirtschaftsbasis und schmaler Intellektuellenspitze, also keine Zwischenschichtler und dem weltwirtschaftlichen Zermahlungsprozeß nicht ausgesetzt — könnten sie nicht zu neuen, weltumgestalitenden, schöpferischen Leistungen des jüdischen Genius befähigt sein? Warum nicht — gesetzt, jener binationale Staat mit jenen optimalen politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen sei keine Utopie? — Und wer diese Auffassung vom Sinn des Jude-Seins teilt, der möge sich zur Ideologie des binationalen Staats bekennen. Und — schweigen! Denn zu den Lebensfragen des jüdischen Volkes zu reden, fehlt dem das Recht, dem das Schicksal von 15 Millionen nicht mehr ist als eine Folie für seine Eitelkeit. Die Judenfrage aber muß gelöst werden. Denn die 15 Millionen wollen leben. Sie gehen zugrunde, weil sie Zwischenschichtler sind, und sie sind Zwischenschichtler, weil sie seit Jahrtausenden überall eine volksfremde Minderheit bilden, die sich immer nur in den Ecken und Winkeln der Wirtschaft niederlassen durfte, welche von der Mehrheitsnation, von dem jeweiligen Staatsvolk nicht in Anspruch genommen wurden. So ist die Lösung der Judenfrage: selbst Mehrheit zu werden, jüdisches Volk im jüdischen Lande. Das ist die Lehre H e r z 1 s. Die zionistische Bewegung hat sie angenommen, als sie auf diem Baseler Kongreß ihr Programm formulierte: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina". Und es gibt keine noch so elegante und ausgeklügelte Auslegung dieses Programms, die uns hilft, um das Kernproblem des Zionismus, um die Judenfrage herumzukommen. Politik ist die Kunst des Möglichen immer nur insoweit, als es sich um die Wahl der Mittel, um die Taktik handelt, die man zur Erreichung eines bestimmten Ziels einzuschlagen hat. Sie ist die Kunst des Notwendigen insoweit, als es sich um die staatsmännische Zielsetzung handelt. Die Bestimmung des Ziels ist nicht der freien Wahl und der nationalen Erkenntnis des Politikers überlassen. Sie ist Schicksal. Die Leistung des Staatsmanns besteht darin, das Schicksal aus einem blinden Fatum zu einer sinnvollen Lebensgestaltung für sein Volk zu machen. Das vergißt man in jenen zionistischen Kreisen so gern, die mit großem Aufwand an Intellekt und mit einem völlig ehrfurchtslosen und instinktlosen Rationalismus den Gedanken einer Revision unseres Ziels zu verfechten suchen. Wenn Zionismus etwas anderes sein soll, als eine überflüssige und belanglose Spielerei, dann muß er sich die Lösung der Judenfrage zum Ziel setzen. Eine Bewegung, welche die Not ihres eigenen Volkes ignoriert, um irgendein pseudoidealistisches Zukunftspalästina aufzubauen, ist für die Juden der Welt ebenso unwesentlich, wie für die übrigen Völker. 12