Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 10 (Dezember 1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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Standes heben wir uns ab durch gewisse schon vorhandene oder erstrebte Eigenschaften. Wir verlangen von unsern Brüdern moralische Integrität, doch dieses Merkmal allein genügt nicht. Es gibt zahlreiche wohlanständige Menschen, die trotzdem für unsern Bund nicht geeignet sind. Wir verlangen eine gewisse Einstellung des Gefühls zu den Dingen dieser Welt, die an den Charakter des Einzelnen gebunden sind. Zu uns gehört der leidenschaftliche Mensch, der es gelernt hat, seine Leidenschaften zu zügeln durch Tradition und Form des Lebens, zu uns gehört der ewig Unzufriedene, der ewig Junge, „der immer strebend sich bemüht". Wer über den Alltag nicht hinaussehen kann, wer satt und zufrieden ist, gehört nicht in unseren Kreis. Die erste -Aufgabe unseres Bundes sehe ich darin, für Menschen dieser Art eine Heimstätte zu schaffen. Bisher lebten wir vereinzelt im Lande und die Isolierung schaffte Bitterkeit, Untätigkeit und Verzweiflung. Unser Bund soll dem Einzelnen wieder das Gefühl geben, daß eine größere Zahl Gleichgesinnter im Lande lebt und das entstehende Gefühl der Kameradschaftlichkeit wird dem Einzelnen dazu verhelfen, seine Vereinsamung zu überwinden und wiederum tätigen Anteil zu nehmen am Aufbau des Judenstaates. Nicht jeder von uns soll und wird am politischen Leben teilnehmen, aber sein Interesse an den Lebensfragen unseres Volkes hier im Lande wird geweckt und dauernd unterhalten werden und diejenigen von uns, die sich aktiv am politischen Leben beteiligen, werden in unserem kameradschaftlichen Kreis einen Resonanzboden finden und einen Regulator. Gerade die Mannigfaltigkeit der Anschauungen und die Verschiedenheit der Gesichtspunkte sind notwendig, um immer wieder zur Objektivität zu erziehen. Der von Ihnen für einen Zeitabschnitt gewählte Führer Ihres Bundes wird also als erste Aufgabe haben, die hier kurz skizzierte Homogenität des Bundes zu hüten. Die zweite Aufgabe unseres Bundes sehe ich darin, daß er seine Mitglieder dahin erzieht, in den uns bewegenden Fragen zu einem Urteil zu kommen, das sich gründet auf Sachkenntnis und objektiver Betrachtung. Alle Fragen politischer, wirtschaftlicher und geistiger Art, die mit dem Aufbau unseres Landes verbunden sind, gehören in unseren Gesichtskreis. Es wird die Aufgabe unseres Bundes sein, seinen Mitgliedern) im Laufe der Jahre eine gründliche Kenntnis dieser Dinge zu übermitteln und ihn dadurch zu befähigen, zu einer Urteilsbildung zu kommen. Unser Kampf muß gegen eine Geistesrichtung gerichtet sein, die ihren Ausdruck findet in dem Satz: Tout comprendre, c'est tout pardonner. Das ist ein Satz für Feiglinge. Auf Grund der Beweglichkeit unseres Geistes ist es gerade für einen Juden nicht schwer, die Vielseitigkeit eines Problems zu erfassen. Unsere Aufgabe muß es sein, Männer zur Entscheidung zu erziehen. Dies ist nach meiner Anschauung die zweite Aufgabe, welche die Leiter unserer Bünde zu verfolgen haben. Und nun komme ich zur dritten Aufgabe, welche zugleich das erstrebenswerte Ziel ist: die Durchsetzung der Gesellschaft und ihrer einzelnen Institutionen unseres Landes mit Männern unserer Einstellung. Das Ideal wäre, wenn in jeder wichtigen politischen, wirtschaftlichen und geistigen Institution einer unserer Leute säße und tätigen Anteil an ihrer Entwicklung nähme. Unser Bund müßte diesem Mann die Kraftquelle 41