Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 10 (Dezember 1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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einer Autonomie in allen seinen kollektiven Funktionen" bedarf. Die allein gültige Qualität dieses Zentrums hinge zwar auch von der Quantität ab, aber hierfür genüge ein Minimum, das „eine Funktion des entstehendem Organismus.... in keiner Weise abhängig von der Zahlenstärke anderer Völkergruppen des Landes" sei. Mir scheint das richtig zu sein, leider bleibt wieder unberücksichtigt, daß die Quantität von der Zahlenstärke unserer Völkergruppe in der Welt abhängig bleibt. Man versteht plötzlich, wie unter dem Aspekt des geistigen Zentrums alle übrigen politischen und ökonomischen Fragen zweitrangig werden und nur interessieren, soweit sie die Sicherheit der Existenz des Zentrums gewährleisten. Dabei ist es natürlich nebensächlich, ob 100 000 Juden mehr oder weniger im Lande sind. Man könnte beinahe die Frage vorlegen, wozu dann noch weitere Alijah, wozu diese riesigen Anstrengungen in der Welt. Die Sichersteilung wäre mit weniger Einsatz eher zu bewerkstelligen. Dabei kann nur jede ökonomische Betätigung, die von den Arabern als unliebsame Konkurrenz empfunden, jede politische Verhandlung, die von den Arabern als unberechtigte Einmischung zurückgewiesen wird, störend wirken. In diesem Sinne schlägt auch Sambursky weitgehende Zurückhaltung, unbedingte Rücksichtnahme auf die geschädigten Interessen der Araber und sogar arabische Anteilnahme an unseren Unternehmungen vor. Wenn man es nicht lesen würde, könnte man es nicht glauben. Der Jischuw kämpft einen schweren Existenzkampf, unsere Mittel zwingen uns zur wirtschaftlichen Einschränkung, auf allen Gebieten erkämpfen wir uns mühsam unsere bewilligten Rechte, Beteiligung am Hafenbau, Beisanböden usw., und da predigen uns unsere eigenen Leute: „Denkt an die armen geschädigten Araber! Es ist zwar wahr, sie haben mehr als wir an dem Zustrom jüdischen Kapitals und jüdischer Menschen profitiert, aber — jetzt kommt wieder das ethische Gewissen — nur nebenbei, ohne unser Zutun. Jetzt sollen sie noch außerdem aktiv von uns ökonomisch gefördert werden." Dieses Mitleid mit den „geschädigten" Arabern im Anblick des Jischuw ist grausam. Mitleid sollte bei der Politik möglichst ausgeschaltet sein, aber wenn es sich schon einschmuggelt, dann, bitte, vorerst mit dem jüdischen Volk und seiner Not selbst. Wir kommen sonst zu jenem Altruismus, wo man nicht zu atmen wagt aus Angst, dem Nebenmann die Luft wegzunehmen. Die wahre Forderung dieser Art Ethik bleibt dann der Freitod, um dem nächsten den Platz zu räumen. So eng wohnen wir in Palästina nicht, und wir verdrängen keinen Araber aus dem Lande. Nur nationalistische Hetze kann unsere Gegenwart drüben zu diesem Schreckgespenst ausmalen. Wir selbst dürfen nicht auch in diese weichliche, lebensunwahre Sentimentalität verfallen, daß jeder neue Oleh den Arabern einen neuen Konkurrenten aufhalst. Tut es den Kreisen um Brith-Schalom schon leid, daß sie mal für jüdische Arbeit und damit gegen Beschäftigung arabischer Arbeiter in den Kolonien eingetreten sind? Die letzte Konsequenz wäre, nicht nach Palästina zu gehen, dann befreit man die Araber bestimmt von unserer unwillkommenen Arbeit. Charakteristisch ist doch das Beispiel des ermordeten jüdischen Rechtsanwalts, das in ganz anderem Zusammenhang Reifenberg in seinem Artikel bringt. Ich glaube auch, daß Konkurrenzneid das Hauptmotiv dieses Verbrechens war. Aber unsere Tragik ist, daß dieser Ermordete in jedem 38