Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 10 (Dezember 1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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Erklärung der deutschen Juden verhallte ohne Wirkung, ist ein letzter Rest des schwindenden „Mauscheltums".) Die Tatsache, daß der Jude innerhalb der jüdischen Gesellschaft lebt, läßt ihn die Segnungen des jüdischen Zusammenschlusses spüren, läßt ihn die Mißerfolge in seinen gesellschaftlichen Bemühungen in nichtjüdischen Kreisen nicht mehr erleben, läßt ihn glauben, seine „Eindeutschung" sei eine vollzogene Tatsache. In Wirklichkeit sind die gesellschaftlichen Bindungen des deutschen Juden an seine Umwelt heute geringer denn je. Der deutsche Jude sträubt sich nur noch gegen die Erkenntnis, daß sein heutiges Leben und alles, wasi er im jüdischen Bezirk versucht, eine deutliche Abkehr von der Ideologie des Assimilationsjudentums der Vorkriegszeitbedeutet. Es ist schwerer, ein innerlich so beruhigtes und konfliktloses Judentum zur -Entscheidung zu bringen, als jenes Vorkriegsjudentum, das wir immer wieder vor die Frage „Sein" oder „Nichtsein", Selbstbehauptung oder Selbstaufgabe stellen konnten. Und doch müssen wir auch dieses „halbnationalisierte" Judentum demaskieren: Der deutsche Jude muß erkennen, daß sich hinter dem mit schönen Farben bemalten Vorhang jüdische Abfalls- und Verfallsprozesse vollziehen, denen man mit bestem Willen kaum Einhalt gebieten kann. Er muß einsehen, daß das jüdische Leben hier nicht nur eine Funktion des guten Willens ist, daß kein Jude der Galuth, sei er Zionist, Orthodoxer oder Liberaler, mit Sicherheit etwas über den jüdischen Lebensweg seiner Kinder aussagen kann, da alle Entscheidungen hier der Willkür anheimgegeben sind, da jede Generation in ihrem Sein assimilierter wird — in ihrem Wollen vielleicht jüdischer — jede neue jüdische Generation ihr Judentum erneut aufs Spiel setzen muß und wir hier nichts schaffen können, was mit Sicherheit die Fortexistenz von Juden verbürgt. Der Versuch, die Fortexistenz des Judentums lediglich auf eine „Idee des Judentums" zu gründen, muß scheitern. Welche Idee soll es sein? Bisher sind ja fast alle Ideen und Ideologien der Moderne für das Judentum reklamiert worden. Uns scheint es fast, daß diese Ideen des Judentums nur Ersatzbildungen für die mangelnde reale Existenz der Juden sind und daß sie also niemals Verfall und Abfall aufhalten können. Heute nach 150 Jahren der Emanzipation ist es klar, daß Auflösungs- und Verfalls'- tendenzen dominieren: das ungeheure Anwachsen der jüdischen Mischehen in Deutschland, der Geburtenrückgang, die Konzentration der Juden in der Großstadt und damit die Beschleunigung ihres Abfalls. Wir werden niemals dieses deutsche Judentum sich selbst überlassen und glauben, genug zu tun, wenn wir auf Palästina hinweisen. Aber wir müssen wieder auf die Diskrepanz zwischen jüdischem Wollen und jüdischem Sein, zwischen jüdischem Programm und zwischen Entwicklungsprozessen, die außerhalb unserer Einflußsphäre liegen, hinweisen. Wir müssen den Mut haben, die objektiven Lebensbedingungen und Chancen der Juden zu erkennen, auch wenn dadurch Programme ins Wanken geraten sollten. Eine Absage vom Zionismus wäre nur zu verstehen, wenn andere jüdische Erneuerungsmöglichkeiten durch die Mitarbeit am Palästinaaufbau verbaut würden. Diese Situation ist nirgends gegeben. Im Gegenteil, das Bekenntnis zum Zionismus ist heute der stärkste Antrieb im jüdischen) 34