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Der jüdische Student · 1929-12-01 · Heft 10 (Dezember 1929) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
26 (1929)
Issue
Heft 10 (Dezember 1929)
Date
1929-12-01
Page
[Seite] (sequence 33)
Language
German
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und Nationen, und der Jude hatte im ganzen Verlaufe seiner Geschichte bis zur Emanzipation niemals die Möglichkeit der Wahl zwischen seinem Judentum und seiner Umwelt. Er war eine deutlich abgegrenzte und in seiner Sonderexistenz eindeutig bestimmte Schicht. Der moderne Jude ist dadurch entscheidend charakterisiert, daß er zwar noch sein Anderssein spürt, aber es nicht mehr genügend definieren und begründen kann und daß er seiner Sonderexistenz keinen rechten Sinn mehr zu geben vermag. Das Judentum der Voremanzipationszeit war in seinen Entwicklungsmöglichkeiten noch nicht gebrochen. Der tragische Konflikt des modernen Juden existiert für den Juden des Ghetto nicht. Wie man glauben kann, daß das atomisierte und individualisierte Judentum von heute, das sich überall in Auflösung befindet, auch an den Stätten seiner größten Lebensfülle (im Osten), daß dieses Judentum mit der Schöpferkraft und Lebensfülle des Voremanzipations-Judentums sich messen könne, ist uns unerfindlich. Man muß dann schon alle seine Hoffnungen auf Wunder setzen, man muß dann schon vor allen Erfahrungen der Geschichte, vor allen Analogien die Augen verschließen, um an spontane Erneuerungsprozesse in der Galuth glauben zu können; man muß dann schon geneigt sein, mit den bescheidensten Maßstäben jüdisches Leben zu messen und zu glauben, daß ein wenig Hebräisch schon genüge, um den Abfallstendenzen die Waage zu bieten. Man muß schon das formale Wissen und Bewußtseinsinhalte außerordentlich überschätzen und glauben, daß lediglich formale Bekenntnisse wesensändernde Kraft haben. Angesichts der Entwicklungen, die sich im deutschen Judentum in den letzten 15—20 Jahren vollzogen haben, könnte man geneigt sein, gerade dieses deutsche Judentum als stärksten Beweis gegen die aufgestellte These von der Unfruchtbarkeit der Galuth zu empfinden. Wer sich lediglich an die formellen Bekenntnisse und programmatischen Aeußerungen hält, das sind Gruppe und Partei, der braucht um die Zukunft des deutschen Judentums nicht besorgt zu sein. Noch in keiner seiner Entwicklungsphasen hat das deutsche Judentum so viel von jüdischer Renaissance, jüdischer Zukunft, jüdischer Wirklichkeit gesprochen, wie heute. Noch zu keiner Zeit spielte das jüdische Leben und seine Probleme eine so große Rolle im Bewußtsein und im Denken und Leben der deutschen Juden, wie heute. Das erstaunlichste Phänomen des deutschen Judentums ist die Steigerung seines jüdischen „Betriebs", das bewußte Bejahen der gesellschaftlichen Sonderexistenz des deutschen Judentums, der bewußte Verzicht darauf, Judentum nur in der Synagoge als selbständige Lebensform gelten zu lassen. Die jüdische Gesellschaft hat sich als ein autonomes Gebilde konstituiert, hat bewußt staatsähnliche Funktionen übernommen, drängt zu immer größeren Zusammenfassungen, reiht sich immer deutlicher in die Einheitsfront des Weltjudentums ein. Das gesellschaftliche Leben der Juden spielt sich völlig im eigenen Kreise ab. Ganz konsequente Assimilanten versuchen sich angesichts dieser Entwicklung hier mit der Verlegenheitsthese zu helfen, daß es sich um ein Provisorium, um ein Uebergangsstadium handelt. Diese Aenderungen im jüdischen Denken, dieser Funktionswandel der jüdischen Gesellschaft hat bewirkt, daß im Subjektiven die Judenfrage viel an Schärfe verloren hat. Die gewollte Assimilation wird abgelehnt. (Die 33

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