Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 10 (Dezember 1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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verloren. Die Gefahr in dieser Hinsicht ist, wie ich aus praktischen Erlebnissen zu belegen bereit bin, größer als man glaubt. Unsere heutige Aktivitas zerfällt in zwei Gruppen: Politisch-Unreife und Politisch-Frühreife. Ueber die Erziehung der Unreifen will ich hier nicht sprechen, sie ist oft und ausführlich behandelt worden, und ich billige hier durchaus die Forderung einer „Politisierung des Kartells". Aber gerade unter unseren jüngeren Bundesbrüdern mehrt sich die Zahl derjenigen, die sich erstaunlich schnell und leicht entscheiden, ohne sich der Tragweite der Entscheidung voll bewußt zu sein. Es ist ja auch viel bequemer, mit einem „Ich bin... ist" alle Widerstände auszuschalten, als sich bei jeder Frage immer wieder selbst zu überlegen, was zu tun ist, und nicht die Antwort der Parteiorgane nachzuplappern. Sieht man sich überdies dieses zionistische Parteileben einmal an, so wird man finden, daß es nachgerade Formen annimmt, die einen jungen Menschen, dem der Zweck noch nicht jedes Mittel heiligt, abstoßen müssen, und es scheint mir eine durchaus lohnende Aufgabe für ein K. J. V., zu versuchen, dem Meinungskampf, der um die Verwirklichung unserer Idee geführt wird, ein Niveau zu geben, das dieser Idee würdig ist. Jabotinsky hat einmal der zionistischen Studentenschaft Deutschlands den Vorwurf des ewigen Einerseits-Andererseits gemacht. Wenn diese Einstellung ewig ist, hat er völlig recht. Man muß eine Entscheidung erzwingen. Wenn das aber heißen soll, daß wir uns erst selbst überlegen wollen, ehe wir handeln, daß wir nur dem zustimmen, was wir selbst für richtig erkannt haben, dann wollen wir dieses Odium ruhig auf uns nehmen. Stimmvieh gibt es genug, man braucht nicht drei Abende in der Woche zionistisch zu arbeiten, um seine Anzahl um einige tausend Menschen zu vermehren. IV. Hier also^ in der Erziehung von Menschen, die sehen gelernt haben, menschlich und zionistisch, liegt unsere Aufgabe, und diese Menschen soweit zu bringen, daß sie in der Bewegung richtunggebend wirken können, ist unser Ziel. Die natürliche Erfüllung unserer Arbeit bleibt die Uebersiedlung nach Palästina. Die Diskussionen über die Richtigkeit der Forderung der Alijah sind ausgetragen, und ich bin der Letzte, der sie aufwärmen möchte. Man muß den Mittelweg finden zwischen der starren Forderung, die bei Nichterfüllung einen gebrochenen unbefriedigten Menschen und Zionisten zurückläßt, und dem völligen Verzicht auf die Uebersiedlung. Man muß von jedem Menschen fordern, daß er sein persönliches Palästina-Problem sehr ernst nimmt, und ich glaube, die oben bei dem Thema Berufsberatung gegebene Anregung kann in dieser Richtung wirken. Auf alle Fälle aber müssen unsere Menschen dem Zionismus ganz zur Verfügung stehen, seine Kerntruppe bilden, denn unser Aufwand von Zeit und Kraft lohnt sich einfach nicht, wenn wir nur die Ergebnisse jedes beliebigen zionistischen Vereins haben. Mit dieser Vorstellung vom K. J.V. wird oft ausgesprochen oder unausgesprochen der Gedanke verbunden, daß naturnotwendig nur ein ganz geringer Prozentsatz unserer Menschen dieses Ziel erreichen wird, und daß wir die anderen gleichsam von vornherein auf Verlustkonto, als Gegenposten für den Gewinn der Wenigen zu buchen haben. Ich will hier nicht davon 18