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Der jüdische Student · 1929-12-01 · Heft 10 (Dezember 1929) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
26 (1929)
Issue
Heft 10 (Dezember 1929)
Date
1929-12-01
Page
[Seite] (sequence 16)
Language
German
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wieder als Forderung aufzustellen und über ihre Nichterfüllung zu jammern. Man muß sich unsere Menschen ansehen und muß die Schwierigkeiten zu überwinden suchen, die sich ihrer Entwicklung zu diesem Ziele entgegenstellen. Ich glaube, daß man vor allem eines hier zu wenig berücksichtigt: die wirtschaftliche Notlage unserer Menschen, die sie ungeheuer bedrückt, und sie an einer freien, jugendlichen Entfaltung ihrer Kräfte hindert Damit ist nicht nur gemeint, daß sich viele von uns die Mittel zu ihrem Studium verdienen müssen, es ist vor allem die Tatsache der völligen Aussichtslosigkeit für die akademischen Berufe in Deutschland, die ungeheuer deprimierend auf unsere Menschen wirkt und ihnen schon während ihres Studiums die Möglichkeit nimmt, ihre berufliche Tätigkeit in den vernünftigen und für eine sachgemäße Ausbildung durchaus genügenden Grenzen zu halten. Die Anlage des Studiums in Deutschland ist an und für sich durchaus darauf zugeschnitten, daß der Student freie Zeit genug und die Möglichkeit hat, sich auch außerhalb seines Spezialfaches auszubilden und sich seinen Neigungen entsprechend anderen Dingen zu widmen. Es ist keine Schmälerung der beruflichen Aussichten unserer Menschen, wenn wir von ihnen Opfer an Energie und Zeit verlangen. Aber diese Situation wird vollkommen anders, wenn am Schluß des Studiums nicht die normale, wenn auch schwierige Gründung einer Existenz steht, sondern wenn der Student täglich die Beweise dafür vor Augen hat, daß seine Zukunft aussichtslos ist, und daß es nur ganz wenigen Glücklichen vergönnt ist, eine ihrer Vorbildung angemessene Stellung im Berufsleben einzunehmen. Dann kommt er schon während der Studienzeit zu einer Ueberbetonung des Beruflichen, und glaubt so, zu erzwingen, was bei dieser Wirtschaftslage gar nicht erzwingbar ist. Es ist falsch, zu glauben, daß wir heute noch eine sorglose Studentenzeit haben und die Schwierigkeit erst mit dem Eintritt in das Berufsleben "beginnt. Unsere Menschen sind belastet mit Augenblickssorgen und aufs schwerste in der Entfaltung ihrer Kräfte gehemmt durch die Aussichtslosigkeit ihrer Zukunft. Ich verkenne dabei gar nicht die Schwierigkeiten, die sich unseren im Berufsleben stehenden Alten Herren in ihrer zionistischen Betätigung bei dieser Wirtschaftslage entgegenstellen, aber es ist ein Unterschied, ob dieser Kampf sich im Innern eines fertigen, zum Dienst an der Sache entschlossenen Zionisten abspielt, oder im Innern eines jungen Menschen, der erst Zionist werden will. Das Ziel, das wir angesichts dieser Situation haben, ist klar. Die Antwort, die wir darauf geben müssen, kann nur ein „Trotzdem" sein, aber es ist ebenso klar, daß wir diese Antwort nicht erreichen werden, wenn wir blind an diesen Dingen vorbeigehen und unsere Forderungen so stellen, als ob sie gar nicht vorhanden wären. Ich bin mir auf der anderen Seite der Gefahren, die ein Eingehen auf diese Dinge in sich birgt, vollkommen bewußt, der Gefahr der allzu leichten Entschuldigung für Laue, der Gefahr der Ablenkung unserer Arbeit von zionistischen Gebieten, schließlich der Gefahr der Unterstützung eines Opportunismus, der das Kartell als Versorgungsinstitut ansieht. Aber, ich glaube, wir müssen im vollen Bewußtsein und unter Vermeidung dieser Gefahren trotzdem diesen Weg gehen, einfach weil uns die äußere Notwendigkeit dazu zwingt, ihr Rechnung zu tragen. Die Aufgabe ist eine doppelte, einmal unseren Menschen zu zeigen, daß wir für 16

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