Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 10 (Dezember 1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Möglichkeit und Aufgaben des jungen Kartells im Zionismus. Von Heinz Gerling (V. J. St. Maccabaea Berlin, a. B.). Die Anforderungen, die das heutige Kartell in bezug auf Arbeit und Zeit an seine Menschen stellt, haben sich im Vergleich zu früheren Generationen kaum geändert. Die Klagen, die trotzdem über die geringe objektive Leistung der heutigen Aktivitas erhoben werden, sind zu bekannt, als daß ich sie ausführlich wiederholen müßte. Mögen sie im vollen Umfange berechtigt sein, oder nur zum Teil, auf alle Fälle ist die Situation so, daß wir immer wieder Grund haben, uns mit der Frage unserer Möglichkeiten und Aufgaben eingehend zu beschäftigen. Die folgenden Ausführungen sollen nur einen Ausschnitt dessen bringen, was mir im Augenblick am wesentlichsten zu dieser Frage zu sein scheint und sie erheben keinen Anspruch darauf, die Fülle der Probleme völlig neu zu behandeln, setzen im Gegenteil voraus, daß die vorangegangenen Diskussionen über diese Frage bekannt sind. I. Der immer wieder zur Klärung unserer heutigen Situation herangezogene Begriff der Sachlichkeit führt, wie ich glaube, nicht zu sehr tiefschürfenden Untersuchungen und ist wenig geeignet, etwas zu erklären, aber gar nicht anzuwenden, wenn man damit, wie man es bewußt oder unbewußt bei uns tut, etwas entschuldigen will. Die Analyse, daß wir sachlicher sind, als frühere Generationen, kann man schon in jeder Provinzzeitung lesen, und sie wird voraussichtlich stimmen. Es wäre auch gar nichts dagegen einzuwenden, wenn wirklich eine stille, sachlich nüchterne Arbeit geleistet würde. Aber auch das müßte man merken, aktive Arbeit, wenn sie wirklich da ist, müßte zu spüren sein im alltäglichen Leben des Kartells und es mit einer Atmosphäre von Energie und Freude an der Arbeit erfüllen, wovon nichts, aber auch gar nichts bei uns zu spüren ist. Ueberdies darf man eines nicht vergessen. Wenn Sachlichkeit heißen soll, daß der heutigen Jugend die Begeisterungsfähigkeit für ein Ideal überhaupt verloren gegangen ist, die Fähigkeit, für eine Sache einzutreten, mag sie auch noch so schwer, ja unmöglich erscheinen, nur weil sie groß, weil sie gut ist, dann muß die Konsequenz dieser Erkenntnis sein, daß man Zionismus mit einer solchen Jugend überhaupt nicht machen kann. Die Berechnung unserer Chancen muß mit einem Defizit abschließen, wenn wir nicht auf der Aktivseite den Wert von Menschen einsetzen können, die sich trotz allem, trotz Schwierigkeit und Unmöglichkeit mit einer ganzen freien und jungen Persönlichkeit in den Dienst dieser Sache stellen. Sachlichkeit ist sehr schön, für uns hat sie Wert und soll richtunggebend sein in bezug auf unsere Arbeitsmethoden. Zionismus ist kein Rechenexempel, und mit der Frage, ob und wie ein junger Mensch Zionist sein muß, hat Sachlichkeit nichts zu tun. II. Der Zionismus fordert Menschen, die ein wenigJierausragen über den Durchschnitt, deren Horizont nicht eng begrenzt ist, und die nicht dauernd am Alltag kleben bleiben. Natürlich nützt es nichts, diese Forderung immer 15