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Der jüdische Student · 1929-12-01 · Heft 10 (Dezember 1929) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
26 (1929)
Issue
Heft 10 (Dezember 1929)
Date
1929-12-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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spielerische Neigung zu rhetorischen und dialektischen Fingerübungen. Woher dies alles kommt, ist nicht schwer zu erklären, ob es gut so ist, wird erst die Zukunft lehren. Diese junge Generation ist nun bis jetzt weder zur klaren Erkenntnis ihrer selbst gelangt, noch ist es ihr gelungen, für ihre soziologische und charakterologische Eigenart einen eigenen Lebensstil zu finden. Sie bildet eine gärende und chaotische Masse, die im besten Falle weiß, was sie nicht will und auf alle Aeußerungen eines von ihr als nicht adäquat empfundenen Lebensstiles mit schweigender Ablehnung reagiert, ohne gleichzeitig sagen zu können, was sie nun eigentlich an seine Stelle setzen will. Das, was man will, weiß nur die alte Generation, die in der Regel aber vernünftig genug ist, einzusehen, daß das, was dem Kartell vor dem Kriege recht war, ihm nach dem Kriege noch lange nicht billig zu sein braucht. Nun bildet aber das junge Kartell — soweit man sehen kann — keine homogene Gruppe. Zionistischer Radikalismus steht neben mühsam kaschierter Gleichgültigkeit, Negation aller gewordenen Ordnungen neben einer starken Neigung zur Konservierung der vorhandenen Klassenunterschiede, ein erhebliches Maß jüdischen und hebräischen Wissens neben passiver Resistenz gegen die Aneignung solcher Kenntnisse. Das junge Kartell hat kein einheitliches Bildungsniveau, wie es das alte Kartell hat — mindestens aber vor dem Kriege gehabt hat. Gewiß waren die damaligen Unterrichts- und Examensmethoden auf der Grundlage der inzwischen aus der Mode gekommenen Sternschen Geschichtstabellen alles andere als ideal. Dennoch verdienen sie gegenüber dem heutigen Bildungswesen den Vorzug. Denn während man damals im allgemeinen nicht mehr verlangte, als man geben konnte, stellt man heute Bildungsideale auf, ohne daß gleichzeitig Menschen und Mittel für ihre Realisierung bereitgestellt werden. Es wird heute im Kartell unendlich mehr hebräisch gelernt und gekonnt als jemals vor dem Kriege — aber die Kartellmoral nimmt Schaden, wenn Dutzende von Inaktiven nicht A. H.iert werden können, weil ein undurchdachter Kartelltagsbeschluß die Ablegung eines hebräischen Examens verlangt, ohne gleichzeitig die Durchführung sicherzustellen. Noch bedenklicher ist der Gegensatz zwischen proklamatorischer und praktischer Bundesbrüderlichkeit im jungen Kartell. Das alte Kartell hat in dieser Beziehung die Probe bestanden. In ihm gibt es noch so etwas wie Bundesbrüderlichkeit, die zu kostbar ist, als daß man versuchen dürfte, sie kritisch zu analysieren. Im jungen Kartell gibt es Freund- und Kameradschaften aller möglichen Art — aber eine Bundesbrüderlichkeit im engeren Sinne, beruhend auf dem Gefühl natürlicher gegenseitiger Verpflichtung gibt es nicht, weil in ihm kein einheitlicher Lebensstil und keine sich daraus ergebenden Formen einheitlicher Geselligkeit vorhanden sind. Die Einhaltung eines traditionellen Ritus beim Biertrinken und bei der wehrhaften Verteidigung seiner „persönlichen Ehre" ist wohl endgültig eine Sache der Vergangenheit. Nur schade, daß für diese vorkriegszeitlichen Kristallisationspunkte einer von individuellen Charakterverschiedenheiten unabhängigen Gemeinschaftsbildung bis jetzt kein Ersatz gefunden ist. Auch hier ist es wie auf allen anderen Gebieten: das junge Kartell weiß, welche Formen der Geselligkeit, Bundesbrüderlichkeit und Gemeinschaftsbildung

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