Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 10 (Dezember 1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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i keit gewonnen werden kann. Es ist um die wissenschaftliche Arbeit schlecht bestellt, wenn man sich um die Wirtschaftslage seines Elternhauses Gedanken machen muß. Hinzu kommt, daß die Masse der wünschenswerten Dinge ständig wächst, und daß mit ihr — gefördert durch den trügerischen Reichtum der Inflation — auch die Ansprüche wachsen, auf deren Befriedigung man ein Anrecht zu haben glaubt. Verschärft wird das Mißverhältnis zwischen Ansprüchen und Erfüllungsmöglichkeiten durch die wachsende Ungewißheit über das, was nach Beendigung des Studiums wird. Die Schwierigkeiten, die der Erlangung einer auch nur einigermaßen angemessen bezahlten Position nach beendigter Ausbildung entgegenstehen, nehmen von Tag zu Tag zu. Sie werfen ihre Schatten bereits auf das erste Semester und wachsen sich später nicht selten zu einer regelrechten Psychose aus. Die Tatsache, daß es sich hier nicht um ein Einzelschicksal, sondern um eine Massenheimsuchung handelt, enthält vielleicht einen Trost für den Augenblick, aber kein Heil für die Dauer. Dazu kommt nun, daß der Zionismus an den Leistungs- und Opferwillen unvergleichlich höhere Anforderungen stellt, als si,e das nur leicht zionistisch gefärbte Nationaljudentum vor dem Kriege gestellt hat. Vor dem Kriege war es schwer, Zionist zu werden, aber leicht, es zu sein — heute ist es umgekehrt. Es hilft kein Maulspitzen mehr — es muß gepfiffen sein. Hinübergehen — das empfindet schließlich jeder — ist die moralische Forderung sans phrase. Aber wie? Als Chaluz? Der Entschluß zu einem vieljährigen Studium widerlegt die Absicht des Chaluziuth. Und später nach beendetem Studium? — das ist ein langer, langer Weg, der gepflastert ist mit der ganzen Unsicherheit über die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands in den nächsten Jahren. Und dann als Jurist oder Mediziner? Die Aufnahmefähigkeit Palästinas für diese Berufe ist begrenzt. Die Wahl eines Berufes aber, der ganz auf Palästina zugeschnitten ist und dessen Ausbildungsgang völlig im Zeichen der spezifischen Notwendigkeiten Palästinas steht, ist — wie die Erfahrung zeigt — nicht jedermanns Sache. Bleibt also nur die Aussicht, in einem deutschen Berufskreise für Palästina zu wirken und sich zu bescheiden. Denn als Bescheidung wird es jeder empfinden, der es mit dem Zionismus ehrlich meint, wenn er sich dazu verurteilt fühlt, nur aus der Ferne an der Verwirklichung der Idee mitarbeiten zu dürfen. Und auch dieses wenige an Geld und Arbeitsleistung wird in Frage gestellt durch die Schwierigkeiten, in absehbarer Zeit zu einer auskömmlichen Existenz zu gelangen. III. Von dieser Umwälzung der Lebensbedingungen und der Lebenshaltung der jungen Generation hat das Kartell amtlich bisher keine Kenntnis genommen. Es tut so, als ob seit 1914 nichts geschehen wäre. Es werden Erziehungsideale aufgestellt, die der Liebhaber einer Beredsamkeit der wohlgerundeten Perioden mit Vergnügen anhört. Aber damit erschöpft sich auch ihre Bedeutung: sie sind zwar aus dem Kartellziel dialektisch entwickelt, aber durch die Kartellwirklichkeit nicht praktisch fundiert. An unseren jungen Menschen gleiten solche Proklamationen ab, ohne mehr als bestenfalls einen Augenblickseindruck zu hinterlassen. Denn es fehlt dieser Jugend der Sinn für stilisierte Feierlichkeit, und es fehlt ihr die 6