Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 10 (Dezember 1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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danklichen Energien darauf gerichtet sein müssen, Abstand zu dieser Umwelt zu gewinnen. Vielleicht ist man sich sogar darüber klar gewesen, daß man sich auf diese Weise selbst Schwierigkeiten bei der Herausarbeitung des eigentlichen Kartellziels bereitete. Denn es ist nun einmal so, daß man praktische Tatsachen nicht gewaltsam zugunsten idealer Zielsetzungen unterdrücken kann, ohne daß sich die praktischen Notwendigkeiten illegale Geltung verschaffen — und zwar auf Kosten der idealen Zielsetzung selbst. Es geht gegen die menschliche Natur, immer nur von Palästina und dem, was uns mit Palästina verbindet, zu sprechen, wenn man Grund hat, um seine berufliche Zukunft besorgt zu sein. Entweder leidet darunter das Bekenntnis zu Palästina, das aus Gewohnheit zur Phrase wird, oder aber es wird über dem Bekenntnis in nicht zu rechtfertigender Weise der Drang zur Ueberwindung der beruflichen Schwierigkeiten geschwächt, und daran hat der Zionismus kein Interesse, der — außer im Bereiche der Utopie — ganze Menschen gebraucht. Allerweltsnaturen haben nicht das Recht, sich durch die zionistische Zielsetzung aus der Bahn ihrer beruflichen Entwicklung werfen zu lassen, und wir haben nicht das Recht, unsere Hand hierfür zu bieten. Im Gegenteil: wir können von unsern Menschen zwingend nur das verlangen, wozu wir ihnen verholfen haben. II. Zwischen dem jungen und alten Kartell von heute steht mehr als nur ein Altersunterschied. Die Jungen von heute wirken auf die, welche vor 1914 jung gewesen sind, alt, und den Jungen von damals, soweit sie innerlich über die entscheidenden Eindrücke ihrer Vorkriegsjugend nicht hinausgekommen sind, haftet in den Augen der jungen Menschen von heute ein Schein von Naivität an, die abwechselnd kindlich und greisenhaft wirkt. Die Generationen verstehen einander nicht, weil sie die gänzlich verschiedene Atmosphäre nicht verstehen, in der sie groß geworden sind und werden. Wie ganz anders vor dem Kriege die ökonomische Atmosphäre war, in der das Studium verlief, braucht im einzelnen nicht ausgeführt zu werden. Der Monatswechsel war kein Problem. Auch die Frage der beruflichen Fundierung nach abgeschlossenem Studium war nicht akut, denn es gab Möglichkeiten genug. Schlimmstenfalls konnte man sich auf die väterliche Hand stützen. Das Bekenntnis zum Baseler Programm war nicht viel mehr als eine Art von Sport und bestand hauptsächlich im Keilen — gelegentlich auch in Chargenpartien — gegen den K. C. Fünfuhrtees, Bälle, Damenausflüge und sorgfältige Beobachtung der gesellschaftlichen Formen gehörten zur zionistischen Propaganda. Im übrigen schwänzte man Kollegs, wenn man nicht gerade Mediziner war, focht, veranstaltete Kneipen, turnte, „lernte" Graetz und Ruppin. Es war eine amüsante, im ganzen etwas langweilige und meistens sorglose Zeit. Die sie miterlebt haben, denken gern an sie zurück. Das alles ist anders geworden. Die väterlichen Vermögen existieren entweder überhaupt nicht mehr, oder sie sind durch Inflation und Deflation auf ein Minimum zusammengeschrumpft. Damit ist der Sorglosigkeit des Studiums das Rückgrat gebrochen. Zum wirklichen, ernsthaften Studium aber gehört Muße, die — wenigstens in der Regel — nur durch Sorglosig- 5