Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 9 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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Brief eines palästinensischen Bundesbruders. Tel-Awiw, den 17. September 1929. Liebe Bundesbrüder! Ich will Eurer Aufforderung, über die letzten Geschehnisse zu berichten, gern nachkommen. Um Mißverständnissen zuvorzukommen, stelle ich hiermit fest, daß ich kein Mitglied der revisionistischen Partei bin, ihren Gedankengängen aber seit langem sehr nahestehe; daß ich ferner Leiter des 41 313 C. und Mitglied der obersten Leitung des Brith Trumpeldor bin; schließlich, daß ich als ein Kommandant der allgemeinen Haganah unter meinem Befehl Gruppen jeder politischen Observanz vereinigte, von ganz rechts bis ganz links. Zunächst als ein kleiner Beitrag zur Wahrheit die Tatsache, daß jener so viel beredete Zug von 200 bis 300 Jugendlichen zur Klagemauer am 9. Ab keine Demonstration des Brith Trumpeldor war. Ich will hier nicht in eine Diskussion über Wert oder Unwert der Demonstration eintreten. Noch jedes Jahr pflegte Brith Trumpeldor am 9. Ab mit allen Kompagnien zur Klagemauer zu ziehen; dieses Jahr haben wir in der Leitung aus politischen Gründen diesen Umzug abgesagt. Als trotzdem die Demonstration spontan zusammenkam und von der Polizei genehmigt wurde, waren darunter auch etwa 15 von unseren Leuten, denen hauptsächlich zu verdanken ist, daß der Zug in Ruhe und Ordnung verlief. Es ist unter meiner Würde, den gehässigen Beschimpfungen entgegenzutreten, die dauernd in der „Jüdischen Rundschau" gegen Brith Trumpeldor enthalten sind. Für den Teil der Bundesbruder, die ohne Parteibrille den Brith Trumpeldor betrachten, muß der Vergleich mit Hitler und Stahlhelm absurd und verrückt erscheinen. Wollt Ihr schon einen Vergleich, dann denkt an die nationalen Bestrebungen der alten deutsche« Burschenschaftler, die für ein einiges,, starkes Reich sich einsetzten, als Deutschland zerrissen und uneinig war. Nun zu den Ereignissen. Während in Zürich unser Führer Weizmann Frieden den Nahen und Fernen verkündete, Col. Kisch sich für die absolute Sicherheit im Lande verbürgte — der blutige Araberaufstand hat sie merkwürdigerweise nicht auf den Gedanken gebracht, daß sie logischerweise abzudanken haben — wußte in jedes Kind, wie nahe die Gefahr war; daß sie so groß werden sollte, konnte man allerdings nicht voraussehen. Den hiesigen Jischuw traf der Schlag nicht unvorbereitet, wie Ihr aus allen Berichten erkennen könnt; und man muß hinzufügen, daß im ganzen die Haltung aller Schichten bewundernswürdig war. In Tel-Awiw traf uns der arabische Angriff schon die dritte Nacht auf Wache. Dieser Bereitschaft ist es zu verdanken, daß hier so gut wie nichts passiert ist. Von den be? klagenswerten Opfern ist leider zu sagen, daß sie verursacht wurden in den meisten Fällen durch unüberlegtes und zu schneidiges Vorgehen ohne Verbindung mit der Haganah, dasselbe bei einem Teil der Verwundeten. Trotzdem muß gesagt werden, daß die Engländer uns gerettet haben. Lange Zeit hätte sich die Front einem wirklichen Angriff gegenüber nicht halten können. Es wird Euch interessieren, daß ich die hiesigen waffenfähigen Bundesbrüder „Blau-Weiß" usw. in einer besonderen Gruppe organisierte und daß zufällig gerade diese Gruppe bei der Verteidigung der Herzlstraße eingesetzt war; sie hatte zwei Verwundete, die anderen mir unterstellten Gruppen vier 28