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Der jüdische Student · 1929-11-01 · Heft 9 (November 1929) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
26 (1929)
Issue
Heft 9 (November 1929)
Date
1929-11-01
Page
[Seite] (sequence 21)
Language
German
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Blick auf die Nachkriegsgeschichte europäischer Staaten, daß der Bestand und die Entwicklung eines Staates, der mehr als eine Nation umfaßt, auf die Dauer nur durch Verständigung und Zusammenarbeit der verschiedenen Nationalitäten zu sichern ist. Viel schwieriger ist die Beantwortung der zweiten Frage, die im Zusammenhang mit dem Verständigungsproblem auftaucht: Was können wir den Arabern bieten, wenn es uns gelingt, sie zu Verhandlungen mit uns zu bewegen? Schwieriger deshalb, weil wir in zehn Jahren so unendlich viel verdorben haben, indem wir Mißtrauen und Haß auf der Gegenseite ungehemmt anwachsen ließen, daß das Schicksal aller unserer Angebote sehr zweifelhaft erscheinen muß. Dennoch dürfen wir nicht zögern; vermeiden wir den Gebrauch von Argumenten, die im Munde anderer Völker in „großer Zeit" uns höchst fadenscheinig und deplaziert vorkamen. Schweigen wir von „nationaler Würde" im Augenblick, wo es um Wiedergutmachung eigener Fehler geht, und reden wir lieber nicht davon, daß es gefährlich sei, Zeichen von „Schwäche" zu zeigen, wenn die Situation so ist, daß wir nach fünf oder zehn Jahren weiterer „Stärke" vielleicht gar keinen Frieden mehr haben können. (Die Analogie zu den entsprechenden Fehlern Deutschlands im Kriege ist sehr naheliegend.) Der Einwand, nach einigen Jahren weiterer Verstärkung unserer Positionen im Lande würden wir bündnisfähiger sein und die Verhandlungen mit mehr Erfolg führen können, erweist sich, wie schon früher dargelegt wurde, als ein Trugschluß, da eben ein Wachsen unserer Macht im Lande durch den latenten oder offenen Kriegszustand paralysiert wird. Wir müssen also bestrebt sein, so schnell wie möglich .in Verhandlungen mit den arabischen Führern einzutreten, und zwar wird der .praktisch einzig gangbare Weg der einer englischen Vermittlung sein, die beide Partner an einen Tisch bringt. Unser Leitmotiv bei diesen Verhandlungen muß sein: Der Gegenseite unseren gutenWillenzu zeigen, eine radikale Aenderung unserer bisherigen dilatorischen Behandlung des arabischen Problems eintreten zu lassen. Da diese Aenderung, soweit sie die zionistische Ideologie, Propaganda usw. betrifft, erst im Laufe von Jahren deutlich in die Erscheinung treten kann, muß sie durch Taten eingeleitet werden, die eine klare Sprache sprechen und die Atmosphäre des Mißtrauens zu beseitigen geeignet sind. Auf ökonomischem Gebiet haben die Araber zweifellos durch den Zustrom jüdischen Kapitals und jüdischer Menschen profitiert, aber quasi nur nebenbei, ohne unser Zutun: Diese Entwicklung muß in Zukunft von uns gefördert werden durch Versuch einer Mitbeteiligung arabischen Kapitals und arabischer Arbeit an den beiden großen Unternehmungen, die die natürlichen Schätze des Landes ausbeuten (Ruthenberg, Novomyski), und an den größeren Pflanzungsgesellschaften im Küstenstrich. Eine derartige wirtschaftliche Neuorientierung würde auch zur Erhöhung der Sicherheit im Lande mehr beitragen als eigene oder fremde Waffen es zu tun vermögen. Bei der Regierung müßten wir uns gemeinsam mit den Arabern für eine großzügige Wirtschaftshilfe für die verschuldeten Fellachendörfer und einen umfassenden Ausbau des arabischen Schulwerkes einsetzen. Die Hebung des ökonomischen und kulturellen Niveaus unseres Nachbarvolkes kann auch uns auf die Dauer nur zum Vorteil gereichen. 21

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