Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 9 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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mit richtigem Instinkt heraus: die politische Position des Zionismus ist geschwächt worden, und je mehr das menschliche Mitgefühl mit den Opfern der Ueberfälle durch die zeitliche Distanz verblaßt, um so stärker treten die politischen Sympathien in den Vordergrund, und diese wenden sich nur zum geringen Teil dem Zionismus zu. Die Welt, von den letzten acht friedlichen Jahren her gewohnt, nur das menschlich Erhebende unseres Aufbauwerkes zu sehen, horcht auf und sieht im Lichte der Unruhen aufs neue die Problematik der palästinensischen Realität, über die wir allzu leicht uns selbst und die anderen hinwegzutäuschen bereit waren. Soweit die Schilderung der gegenwärtigen Situation. Was haben wir in Zukunft zu erwarten? Wir haben mit einem schnellen Erstarken des Nationalbewußtseins der palästinensischen Araber zu rechnen. In zunehmendem Maße und immer dringlicher wird die jüngere arabische Generation, durch Auslandsstudien und Kontakt mit araberfreundlichen Europäern und Amerikanern in ihrer Politisierung gefördert, die Erfüllung ihrer nationalen Forderungen durchzusetzen suchen. Wenn ihr dies nicht gelingen sollte, so wird sie ferner, entsprechend dem primitiven Standard ihres Nationalismus und gestützt auf die Gefolgschaft ökonomisch gedrückter Fellachen und anderer leicht aus dem Gleichgewicht zu bringender Elemente ihres Volkes, vor Organisierung neuer Unruhen nicht zurückschrecken. Sollten diese auch im Keime erstickt werden, so werden sie auf jeden Fall den gewünschten Effekt erzielen — die weitere Verminderung der politischen Chancen des Zionismus, und zum mindesten eine vorübergehende starke Lähmung unseres wirtschaftlichen Aufbautempos durch Abschreckung des Privatkapitals und Beeinträchtigung der nationalen Sammeltätigkeit, die ja auch nur in einer Atmosphäre des Friedens florieren kann. England wird kaum seine bisherige Mandatspolitik in einem für uns günstigeren Sinne abändern. Im Gegenteil — es wird die palästinensischen Araber im Hinblick auf die Macht des Islams und die leicht zu erschütternden Nachbarvölker im vorderen Orient mehr als bisher in seine politische Rechnung einbeziehen. Es genügt der Hinweis auf Aegypten und den Irak, um klarzumachen, daß keine englische Partei — am wenigsten die Labour Party — in Zukunft sich zu größeren politischen Konzessionen an den Zionismus verstehen wird, die die großen Linien der englischen Orientpolitik durchkreuzen würden. Bei Festhalten an der mehr formalen Auslegung des Mandats und an den Prinzipien" des Weißbuches wird England im Laufe der nächsten Jahre an die Schaffung autonomer Formen der Verwaltung des Landes herangehen. Wir müssen auf die Bildung eines nach demokratischen Prinzipien gewählten Legislative Council in naher Zeit gefaßt sein. Welches sind nun die Konsequenzen, die wir aus dieser politischen Prognose zu ziehen hahen? Mit zwingender Notwendigkeit folgt aus der oben skizzierten Entwicklung auf arabischer Seite und der Stellungnahme Englands die Forderung: Verständigung mit den Arabern, Friedensschluß mit dem palästinensischen Nachbarvolke. Die nicht mehr neue Formel des binationalen Staates, ein wesentlicher politischer Programmpunkt des Brith Schalom, gilt es nun mit lebendigem Inhalt zu füllen. Hier sei eine Bemerkung pro domo gestattet: Brith Schalom hat von je her seine Forderung nicht nur aus realpolitischen Erwägungen heraus 3* 19