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Der jüdische Student · 1929-11-01 · Heft 9 (November 1929) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
26 (1929)
Issue
Heft 9 (November 1929)
Date
1929-11-01
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
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in friedlichem Schaffen. Nun plötzlich lauschte man wieder dem ernsten Wort, auch wenn es ein Geächteter aus dem anderen Lager sprach. Nun schrie es auf gegen Unrecht, auch wenn es einem geschah, den man nur als Totfeind sehen mochte. Keine Schadenfreude; keine trüben Genugtuungen. In Wort und Schrift gab sich kund, groß und rein die nationale Verantwortung. Dankbar und unbekrittelt wurde die unverdrossene, sichere und starke Arbeit erkannt, welche die provisorischen Vertreter der Zionistischen Exekutive leisteten; und die im Parteienschacher gewaltsam aus dem Leibe der Organisation Herausgezerrten wurden kaum vermißt und konnten ihre durch das Geburtstrauma so nötigen Kuren weiter in den Kurorten der Schweiz und Tschechiens fortsetzen. Und —: das ganze jüdische Palästina las in einhelligem Erstaunen die Mahnung zur Ruhe, mit der unser verehrter Präsident am dritten Tage des Gemetzels die Judenheit schützte. Die Zeitungen waren verboten, die Telephone gesperrt, nach der (rechtlich fragwürdigen) Erklärung des Kriegsrechtes jede Ansammlung von drei Menschen, jeder Aufenthalt auf der Straße nach 6,30 Uhr mit Erschießen ohne Prozeß bedroht. Aller Stimmungsmache Quellen waren verstoppt; selbst für eine Parole trug keine Stimme weit genug. Und —: von den Stunden der ersten Bestürzung bis zur schnellen Rückkehr besinnlicher Erkenntnis — feste und scharfe Stellung zu den Tatsachen und einheitliche Forderungen für die Sicherung unseres Werkes. Ganz wenige, die ihr Leben ungeheuer wichtig nehmen, rüsteten die Abfahrt. Aber bei der Menge ist es bare Selbstverständlichkeit, nicht einen Millimeter einmal gewonnenen Bodens preiszugeben, ihn wiederaufzurichten nach der Zerstörung, gesichert ohne narkotisierende Gutgläubigkeit; selbstgewolltes Ghetto, aber dann Festung! Die edle Deklaration Lord Balfours, eine aus dem leidenschaftlichen Wollen der Volksseele ermunterte Gutgläubigkeit, hat einen hochgezüchteten Instinkt, der uns sonst sicher den trüben Weg leitete, niedergehalten: das Mißtrauen. Wir haben den Engländern vertraut, obwohl wir seit zehn Jahren diese unbestimmte, schaukelnde, die Situation und die Probleme wahrscheinlich bewußt verkennende Politik beobachten, erleiden, in der das National home so blaß wird, wie ein Weißbuch. So stark war dieses Vertrauen, so starkes Vertrauen suggerierten sich auch die schnellen vom Rausch sich Ernüchternden, daß jene geächtet werden konnten, die uns zwingen wollten zu sehen, was wir — sahen! Wie Polonius starrten wir in das verwandlungsschnelle Gewölk, lieber gutwillig zustimmend, als mißtrauisch streitend. Dieser Aufstand, den an jedem Punkte ein paar entschlossene Beamte niedertreten konnten, hat jedem Juden die Augen geöffnet und hat ihm den Mut vor sich selbst gegeben, wieder mißtrauisch zu sein! Welches diplomatische Narkotikum ihm auch in dem und jenem Moment zionistische Führer mit der Gewalt eines sorgsam gepflegten Pressedienstes unter die Nase pressen könnten. Nützt nichts! Hier weiß nun jeder, daß wir auf diesem Zickzackweg über Fallen und Stacheldrahtverhaue nicht weitergehen können, und daß es ein Wahnsinn wäre, wenn die Agency und über oder durch sie Private hier Kapitalien für schöpferischen Aufbau anlegten ohne die primitivste Bedingung eines rein physischen Schutzes, wie immer die Politik! Gesegnet die Stunde, wenn es gelungen sein wird, England dahin zu führen, daß es seine „Erklärung" in Leitung und Leistung 3 17

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