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Der jüdische Student · 1929-11-01 · Heft 9 (November 1929) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
26 (1929)
Issue
Heft 9 (November 1929)
Date
1929-11-01
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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ungeschützte Landwaisenhaus Ben Shemen marschierte ein gewaltiger Trupp —: auf Tel-Awiw marschierte kein Trupp. Um Petach-Tikwah und um Chederah ging jeder Araber in weitem Bogen herum! Mehr: aus den Vororten von Tel-Awiw, wo 1921 die schwersten Mördereien spielerisch getätigt werden konnten, flüchteten die Araber (1929) in wildem Laufe; und wer nicht flüchten konnte, lag in den Kellern, bis ihn Militär und Polizei aus eigner Gefangenschaft erlösten, bei der es keine Belagerer gab! Denn auch die Juden waren alle sofort in frischer Panik entlaufen. Der Araber! Gewiß, das ist eine dumme Verallgemeinerung; blasses Gebild konstruktiver Bequemlichkeit. Da gibt es den christlichen Araber, der seinem Heiligen dankte, daß er überhaupt nicht mitmachen mußte: dieser Pogrom war „religiös" aufgezogen. Er kam kaum als Statist in Frage. . Der gebotenen Passivität stand seine Klugheit nicht im Wege. Vom städtischen Moslem war der Mob bereit. Er ist wie aller städtische Mob überall und immer zur Stelle. Er hat nichts zu verlieren. Er kann nur gewinnen. Dann gibt es bestimmte Dörfer, die seit Jahrhunderten die wegelagernden Räuber stellten, ohne die ein orientalisches Land romantischen Reizes bar würde; arme, verhungerte Fellachen, geführt von demoralisierten Scheichs, beraten von Effendis, die sie ausplündern und verraten, Jahrhunderte der Türkenherrschaft haben sie außerhalb allen Rechtes gestellt. Ihr Räubertum ist nur die Explosion ihres Pariatums, Und dann die tragischste Erscheinung des Landes — der_ Beduine. Der nicht leben kann, weil über den Weidegrund der Traktor rasselt, der nicht seßhaft wird aus dem Wandertrieb im Geblüt und aus Armut: er kann das Land aus der Geldgier des Effendi nicht erlösen. Und erhielte er sogar Land gegen geringe Pacht, er ist Hirt und nicht Ackerbauer, und ist ungeübt, unfähig und aller Hilfsmittel bar, um auch nur die Pacht herauszuwirtschaften. Große Teile neuen Siedlungslandes etwa der Beisanebene gab er gern für Geld fort: das portative Besitztum schätzt er am höchsten. Sie stehen dem Hetzer immer zur Verfügung: Auch in den Kampf um die heiligen Güter der Religion nimmt er den großen Beutesack mit. Oben stehen die städtischen bourgeoisen Araber, die wie der Mob die soziologische Einwirkung der Stadt erfahren: die Vereinheitlichung und zugleich die Differenzierung. Hier sitzen die politischen Drahtzieher, deren Weisheit es ist, die persönlichen Interessen so zu lackieren, daß sie der breiten Masse der Volksgenossen, vollends den Fernestehenden als die Bedürfnisse, Forderungen und sittlichen Güter der Nation erscheinen. Da der Orientale den Begriff des Patriotismus, der nationalen und vor allem der sozialen Verpflichtung nicht kennt, versteht man, bis zu welcher Feinheit jene Weisheit entwickelt werden konnte. Führend war immer die Kontrolle, jedenfalls die rechte Schätzung der Resistenz des Gegenspielers. Was zunächst wie ein Geschichtswunder im großen imponiert, wie die Erhaltung der Türkei, ist nur die Auswirkung einer Taktik, die jeder Führer meistern muß, der seine Interessen nicht ins Gedränge bringen will. Mut ist Wissen um die Schwäche des Gegners. Gegenüber der Kraft heißt es sich ducken, sich schwach, ja totzustellen und jso lange in dieser Stellung zu verharren, bis die Sturm- 12

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