Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 9 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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zeitig, teils ober-, teils unterirdisch (Lawrence!), das „andere England" gibt, dem nur mit Nützlichkeitsargumenten und machtpolitischen Gesichtspunkten beizukommen ist. Ihm gegenüber ist es wenig zweckmäßig, wie wir es leider allzu lange getan haben, den „loyalen Untertanen" zu spielen und sich mit feierlichen Versprechungen abspeisen zu lassen. Richtiger wäre es nachzuweisen, daß zwar die Stützung der Araber gegen den Zionismus (denn das bedeutet die bisherige Verwaltungspraxis 1) und dessen Vernichtung im Augenblick für England die einfachste Lösung und die Linie des geringsten Widerstandes darstellt; daß aber in deim Moment, wo dem Zionismus bzw. den Zionisten in Palästina die Verwirklichung ihres eigenen Ideals durch Englands Verhalten endgültig unmöglich gemacht wird, die nationale Jugend in ihrer Verzweiflung vielleicht eine andere Richtung einschlagen könnte, nämlich die Erlangung von Konzessionen von Seiten der Araber auf Grund einer Verständigung und Bundesgenossenschart im Zeichen des Kampfes für ein freies arabischjüdisches Palästina unter Ausschaltung Englands; und wenn auch England zahlenmäßig 150 C00 Juden in Palästina nicht zu fürchten braucht, so wäre es doch für England nicht gleichgültig, wenn die Juden der Welt die große arabische Bewegung moralisch stützen und die Zionisten Palästinas ihr ihr Organisationstalent und ihre geistige Intensität leihen würden. Auch eine Ausbreitung kommunistischer Ideen bei den Juden Palästinas wäre bei einem Scheitern des zionistischen Ideals zu befürchten; dies alles sollen natürlich in keiner Weise Drohungen gegenüber England sein, die lächerlich wären, aber es sind Möglichkeiten, die vielleicht doch manchem englischen Politiker zu denken geben würden und die jedenfalls den Menschen „des anderen England" eher beachtbar erscheinen, als Berufung auf moralische Forderungen oder Bestehen auf dem „Schein" der Balfour-Deklaration. Man wird verstehen, daß nicht „nur" Englands Prestige, sondern auch praktische Interessen auf dem Spiel stehen, wenn» es den Zionismus fallen läßt (ganz zu schweigen von der wirtschaftlichen Katastrophe, die es für Palästina bedeuten würde). Um diese Aenderung der englischen politischen Einstellung zu erreichen, wird es allerdings einer „mammuthaften Aufklärungsarbeit" (wie mir ein Bundesbruder aus Palästina schrieb; „Aufklärungsoffensive" Holdheims) bedürfen; nur mit äußerster Anstrengung wird es uns gelingen, die englische öffentliche Meinung und die englische Labour Party zu einer grundlegenden Aenderung der englischen Palästina-Politik (die sich als erstes in einem radikalen Beamtenwechsel dokumentieren müßte) zu bringen. Die englische zionistische Organisation und ihre Freunde müssen ihre ganze Kraft in dieser Richtung einsetzen; es kann hier gar nicht genug getan werden. Neben England muß Genf zurzeit der zweite Schwerpunkt unserer politischen Arbeit sein: Der Völkerbund, der die formelle Verantwortung für Palästina trägt, und der sich im Januar mit den Ereignissen beschäftigen wird, hat die Pflicht, auf die Mandatarmacht einen sehr energischen Druck im Sinne einer aktiven Schlichtungspolitik auszuüben; ja es ist gar nicht einzusehen, warum nicht der Völkerbund selbst in« einer direkten Kundgebung an die beiden Völker seine Meimmg über die Not- 2 9